Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1852)
- Date
- 1852-01-19
- Page
- Seite 46 (sequence 10)
- Language
- German
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46 noch zu schachern, sondern saß den ganzen Tag über den Talmud und studirte die Rechte „von gefundenen Sachen", wie diese zu beurtheilen und zu vertheilen, Md ob es erlaubt sei, gefundene Tefillim anzulegen oder nicht. Der Schuster mußte mit seinen schwächer werdenden Armen und mit seiner von der Wucht der Verhältnisse gedrückten und von den Schmähungen der jungen Xantippe durchstoßenen Brust auch für den Tochtermann — den er aber sehr ehrte, denn er war ja ein Gelehrter — und für dessen Kinder arbeiten. Jossel war in der Fremde und hatte nicht geschrieben, wie wir bald sehen werden. Da wurde daS große Herz des Mannes — zwar nicht das in diesem Organ wohnende Gemüth, aber doch daS fleischerne Gebälk und häutige Klappenwerk an demselben — immer enger und schrumpfte zusammen, die Brust wurde hohler und hohler, die fleißigen Hände verloren ihre Rührigkeit, die Augen flimmerten vor dem Lichte der Kugellampe, wenn er Abends und Nachts auf seinem Dreifuß saß, von dem er in eine trübe Zukunft schauete, aber arbeitete und zu Gott aufsah. Er fühlte den nahen Tod — denn er hatte ihm ja oft als barmherziger Bruder am Siech- und Sterbebette in's Auge gesehen — und machte sein Testament, das ich hier noch als die letzte Reliquie seines Wander- und Stilllebens anführen will. „Ich hinterlasse Euch wenig, meine Kinder, denn viel ist eS nicht, was mir die Kroaten und das Alter gelassen, und daS' Wenige sollt Ihr ganz und gar meinem Weibe auf ewige Zeiten vergönnen, denn waS wollt Ihr auch mit dem Rumpelwerk l Auch wenn sie wieder freiet — und warum wird sie nicht? — sollet Ihr ihr das Befitzthum nicht entziehen, auch dem Manne nicht, wenn sie stirbt und er wieder freiet u. s. w. So werdet Ihr und Eure Kinder nach Euch werden eine unsterbliche,' sich ewig verjüngende Eltern- und Großelternschaft vor sich sehen, die sich immer wieder von Neuem um die alten Truhen und den eichenen Tisch des alten längst verstorbenen IudenschusterS erhebet. Darum kein Wort von einer Theilung und kein Streit weder nach jüdischem, noch nach christlichem Erbrecht, bei Strafe, daß ich dort oben Klage erheben werde gegen Euch, vor dem, der um gerecht zu sein, weder MartinSgänse, noch sonst eines OpferS. bedarf-' sondern der da ist von selbsten gerecht und vollkommen und in's Herz schauet. Meines ist zwar jetzt eng und bedrängt und ich bitte Ihn täglich um Luft, deren er doch so viel hat, aber dennoch wanket mein Vertrauen nicht, so wenig wie seine Liebe. -Meine Bibel vermache ich aber meinem Jossel und mein großes amsterdamer Gebetbuch in Quarto immer dem meiner Enkel, der es am Besten gebrauchen kann. Sehet, ich habe wenig gelernt und ich bin immer nur ein sehr unwissender Mann gewesen, wie Ihr wißt, aber das Wenige, waS man mir, ehe ich in die Lehre kam, mitgetheilt aus den heiligen Büchern, hat doch Stand gehalten mein ganzes Leben hindurch und war mir ein Anhalt in allen Lagen des Lebens. Freilich sagen unsere Weisendaß kein Unwissender, fromm sein kann, und ich mache auch keinen Anspruch auf die Titel eines Gelehrten und Frommenaber da ich die Weisheit in Anderen ehrte, besonders wo fie sich mit Rechtthun paarte — nicht die Lehre ist der Grund, sagen die Vater, sondern die That— und da ich Gott über Alles setzte, über mein Herz und über mein Werk, so gehöre ich doch wol, obgleich ein simpler Schuster, — nicht,zu dem Am-haarez, was Nichts weiter als Pöbel ist. Die Sprüche der Väter haben mir immer sehr gefallen und ich habe regelmäßig einen Abschnitt davott die Sommersabbate hindurch, gelesen, wie es Vorschrift ist, besonders aber auch darum, weil die darin enthaltenen kurzen Sprüche eine ganze Fülle von Lebenserfahrungen und Lebensweisheit enthielten, endlich-auch deshalb, weil in ihnen der Schuster oder Sandalenmacher Johannes vorkomint, der neben seinem Handwerk auch etwas Studium betrieb, worin ich ihm nachzuahmen suchte. Seinen Ausspruch: Jede Versammlung, die in Gottes Namen vor sich geht, wird bestehen, jede andere aber nicht, kann er so wenig aus Jnnungsversammlungen wie aus Landständen u. dgl. hergeholt haben — denn es gab Solche , zu seiner Zeit noch nicht — aber merkt ihn Euch doch und, folget meinem Vorgänger und haltet Euch von allen Versammlungen, außer den gottesdienstlichen, fern, denn es wird meistens nur leeres Stroh gedroschen und Gott führt die Welt auch, wenn Ihr zu Hause bleibt. Wie aber jener weise Sandalar und seine Kollegen, die Väter der Synagoge, will ich Euch noch einige Sprüche hinterlassen, die Ihr merken könnet und Ihr könnet dann ebenfalls^ ' sagen: unser Vater, Levi Jossel der Sandalar, pflegte zu sagen. Nämlich: Sprechet immer wie Ihr denket, aber nicht was Ihr denket, elfteres thut jeder rechtschaffene Mann, letzteres der Thor. Dann: Nehmet kein unbesoldetes oder sogenanntes Ehrenamt in Gemeinde oder Stadt, an, denn eS find die undankbarsten und mit vielem Aerger und Verfolgung verbunden, auch wird es immer welche geben, die klüger find als Ihr oder eine größere Ehre darin suchendenen überlasset daS Amt. Und drittens