Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1851)
- Date
- 1851-12-15
- Page
- Seite 611 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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611 dienungen begnügen können, er hätte es vielleicht auch gethan, aber zu den esoterischen Funktionen wurden ihm noch exoterische aufgedrängt. Er war — man denke — auch fürstlicher Wildpretinspizient und Schaffner für die hohe und niedere Jagd! Man weiß nicht wie er dies geworden war, aber er stand bei dem alten Fürsten in sehr hohen Gnaden. So oft der Fürst nämlich in dem großen Föhrenwalde jagte, mußte der Judenherbergsvater mit seinen Söhnen folgen, genau merken, wo das erlegte Wildpret falle und für dessen Wegschaffung und Spedition Ln's Jägerhaus Sorge tragen. Da dies fast immer in den frühesten Morgenstunden geschah, so that der fürstliche Dienst den übrigen Amtsverrichtungen keinen Eintrag. — Nur die weise und gütige Lenkung der Vorsehung hatte daher unfern Schuster wider Witten in die Judenherberge geführt; ihn, den Fürsten, in dessen Residenz einzukehren man ihm verbot, dessen Schloß er nicht zu betreten wagte, sollte und konnte er hier, vor den Pforten der Herberge und des Kirchhofes, sprechen. Man sagte ihm, daß am frühen Morgen, wol um drei Uhr, der Fürst zur Jagd reiten und an die Pforte auf den Witdschaffner klopfen würde, dann sollte er flugs sich vor die Durchlaucht stellen und seine Bitte anbringen, in der Stadt würde dies ganz unmöglich sein. Der Böhme konnte nicht schlafen. Hatte er auch nicht gefürchtet, den Termin zur fürstlichen Audienz zu versäumen, hätte er auch keine Angst gehabt, bald vor dem Allgewaltigen zu stehen, der freilich nicht wie der Gott des Psalmisten „Herzen lenkt wie Wasserbäche", doch als Gott der Erde oft Wasserbache lenkte nach seinem Herzen, hätte auch der nahe Kirchhof, auf den man durchs Fenster der Schlafstätte sah und auf dessen Hügel und Steine der Mond sein zitterndes Licht warf, ihn nicht mit den Schauern des irdischen Untergangs und einer über diesen dahinbrausenden Geisterwelt erfüllt — dies Alles wäre vielleicht der großen Ermüdung von einer siebenmeiligen Fußreise in der Winterkälte gewichen — aber seine nächste Umgebung ließ ihn nicht ruhen. Neben ihm lag auf einem durch die beständige Unruhe des Inhabers zerwühltem Lager ein wahnsinniger Mann. Der Mond beleuchtete sein blasses Angesicht, die fahlen Lippen und das schwarze, ungeordnete Kopf- und Barthaar. Er war der Sohn armer Eltern und hatte durchaus ein gelehrter Talmudist werden sotten. Dazu hatte er aber keinen Kopf, seine Zirbeldrüse — nach einigen Physiologen der Sitz des Geistes — auf dem Türkensattel im Gehirnkasten vermochte nicht, die heterogene Materie der vielen Folianten aufzunehmen, noch dazu, da ihr kein frisches, kräftiges Blut zugeführt wurde — denn was konnte die kräftigste Verdauung und die lebhafteste Assimilationskraft aus dem mit Del beschmierten harten Schwarzbrod für Blut — des Fleisches Leben, nach der Schrift — schaffen? So wurde der Geist immer stumpfer und schartiger, statt durch den talmudischen und midraschischen Stahl geschärft zu werden, man merkte dies zu spat und gab endlich dem Unglücklichen, da er in der Gelehrsamkeit verkommen war, ein Bündel Band und baumwollene Tücher in die Hand, um sich zu ernähren. Dies ging auch mühsam eine Zeit lang, als aber die Landreuter ihm beim Hausiren sein Bündel konsiszirten, da brach nicht nur der völlige Bankerut seiner Handlung, sondern auch seines Geistes aus, den nun die Nacht des Wahnsinns umhüllte. Jetzt saß er unruhig ganze Nachte im Bette aufrecht, der Schuster hörte ihn unaufhörlich vor sich hinbrummeln und mit Fingerbewegung begleiten: „Von welcher Zeit an ruft man: höre Israel des Abends? Von der Stunde, wo die Priester hineingehen, von ihrer Habe zu essen, bis zum Ende der ersten Nachtwache.... Ueber Davids Psalm: Bewahre meine Seele, denn ich bin fromm, sagen Rabbi Levi und Rabbi Jsak; der Erste sagt: der König fleht: Herr der Welt, bin ich nicht heilig? denn alle Könige des Morgen- und Abendlandes schlafen bis zur dritten Stunde des Tags, ich aber stehe um Mitternacht auf, dir zu danken."... Mit Unwillen in Geberden und Ausrufungen verlor er dann wieder die Spuren in dem Wirrsal des babylonischen Talmuds und rief bittend: „Herr Landreuter, gnädiger Herr Landreuter, lassen Sie mir mein Bündel, wie soll ich Natan das Band bezahlen und meinem Tati (Vater) heute Abend das Oel zur Sabbatlampe bringen?"... In einem andern Winkel des Zimmers lag auf einem Bette ein fremder Jüngling, er war von der Schlafsucht befallen und schlummerte schon fünf Tage, ohne Speise und Trank zu sich zu nehmen; mit gespanntem Blick saß der ihn begleitende Vater neben dem Bette und sah in das starre Antlitz, die Minute des Erwachens erwartend. Aus einem Nebenzimmer erschallte das Geschrei eines Säuglings, den eine polnische Bettterfrau mit sich auf dem langen Wege ohne Ziel und ohne Ende herumschleppte, aber desto stiller war es in dem andern Nebengemach, obgleich dies sehr bevölkert war. Hier schliefen nicht weniger als — fünfzehn Jungfrauen. Man würde aber dem Lazareth- und Wildpretsinspektor sehr nahe treten,