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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-12-15 · Heft 51 (15.12.1851) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 51 (15.12.1851)
Date
1851-12-15
Page
Seite 610 (sequence 10)
Language
German
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610 Belletristisches. Der unbekannte Nabbi. Eine Novelle. ^Fortsetzung aus No. 37. 38. 39. 42. 44. 45. 46. 48. 50.) Mit den vor Frost erstarrten Händen zog er das lederne Beutelchen bezahlte seinen Zoll und wollte weiter in die Stadt. „Das geht nicht/" kreischte ihm der Zöllner entgegen, „Er bleibt vor dem Thore im Judenhekdisch"". Vergebens stellte ihm der arme Mann vor, daß er nothwendige Geschäfte in der Stadt habe, daß er den Fürsten sprechen wolle. Er wurde ausgelacht. „Seine Durchlaucht, unser gnädiger Herr/" sagte der Zöllner, wird sich wol mit einem Betteljuden in Gespräche einlassen, da kommen andere Leute nicht vor/" Was half es dem alten Jossel, daß er unter Bitten und Betheuerungen dem gestrengen Herrn Thorschreiber ein Geldstück in die Hand drückte. Er warf es ihm vor die Füße. „Mit eurem Bettel- und Sündengelde wollt ihr Juden Alles durchsetzen, und dennoch würde die Vorsteherschaft der Judengemeknde am Aergsten wüthen, wenn ich ohne ihr Gesuch einen Kerl, wie Er ist, in die Stadt lassen wollte."" Auch das Vorzeigen des bürgermeisterlichen Schreibens diente zu Nichts. Das wollte der Zöllner ihm gazabnehmen und in das Schloß schicken. Lieber wollte aber Jossels Vater in's Hekdisch gehen, wohin ihn auch sofort ein Bettelvogt führte. Das einstöckige, halb verfallene und elende Haus lag nicht weit von der Stadtmauer in der Nahe eines Föhrenwaldes, der beinahe bis dicht an die Stadt reichte. Das Haus war also die Herberge, wo reisende, arme Juden ein Unterkommen fanden, ja suchen mußten, da ihnen die Wohlthaten der Gemeinde hier heraus gebracht wurden; es war aber auch Kranken- und Siechenhaus, wo unbemittelte Kranke der Gemeinde verpflegt und geheilt oder nicht geheilt wurden; es war auch Irrenanstalt für wahnsinnige Juden; es war auch Armenhaus der Gemeinde; es war endlich — die Pforte zum Gottesacker, denn hinter ihm lag der große Kirchhof mit unzähligen Gräbern und Leichensteinen, die die Gebeine der seit Jahrhunderten in der Gemeinde entschlafenen Juden bedeckten. Man denke sich diese verschiedenen Unglücklichen in den engen Räumen, ohne Abtheilung und Ordnung neben einander gedrängt, die Unsauberkeit, die hier neben dem Elend zu Hause sein mußte, und man wird einen annähernden Begriff von dieser und anderen Anstalten der Art haben, welche die Juden „Geheiligtes"" nannten, welches „Geheiligte"" wieder sprüchwörtlich zur Bezeichnung jeder unsaubern Wirthschaft gebraucht wurde! Es war noch gut, daß der Kastellan und Schloßhauptmann dieses jüdischen Hotel de Dieu, dieser Charite und Salpelricre ein wackerer, fleißiger, wenn auch harter Mann war, der sich wirklich bestrebte, Ordnung und Reinlichkeit zu erhalten, aber was half es ihm bei den täglich neu eintretenden und fortwandernden Gasten? Er war aber nicht blos Herbergsvater und Lazarethinspektor, Todtenpförtner und Todtengräber, er war auch erster Kustos der in der Stadt liegenden Synagoge, in der er täglich zwei oder drei Male erscheinen, sämmtliche Leuchter und Lichter in Ordnung und blank und hell halten mußte; er war auch Rathsdiener des Vorsteheramtes, der vor dem Sessionszimmer der Aeltesten oder Rabbinen Wache zu hatten, auf den Ruf der Prasidentenglocke zu erscheinen, Mitglieder zu bescheiden, kurz alle Wege zu laufen hatte; er war auch Exekutor, schuldige Beiträge einzuholen, er war endlich — Zerber. Was ist das? werden viele Neuere fragen, die vielleicht erschrocken an den Cerberus der griechischen Fabel denken und unfern Aemterakkumulator für einen wahren „Höllenhund"" erklären. So ist es aber nicht. Der Zerber (wahrscheinlich vom lateinischen S6rvu8, servarius) ist der — Tafetdiener, der auf Hochzeiten und Gastgelagen die Tafeln fein deckt und servirt, die Speisen reicht und als stummer maitre de plaisir für alle Bequemlichkeiten sorgt. So kam es denn, daß derselbe Mann an der Wiege des Kindes stand, die Tische und Stühle zurecht rückte und die Gäste bediente, wenn der Säugling ausgenommen wurde in den blutigen Bund Israels, dann wieder über den frohen Bräutigam und die blühende Braut den Traubaldachin am Altar der Liebe erhob und ausbreitete und endlich in weiten, schwarzen Mantel gehüllt, den Trauerzug eröffnete und still und feierlich vor der Bahre einherschritt, auf der man den zerfallenden und zerfallenen Tempel der Seele, aus dem eine höhere Hand die ewige Lampe nach den Sternen versetzt, hinaustrug nach dem ewigen Hause der Welt, nach dem Bet-Olam. Und hier war der Zerber wieder Todtengräber, hob mit dem Spaten die Erde, zerschnitt die Brettlein, bedeckte den Hügel mit Rasen und wußte oft einzig und allein nur, nach langer Zeit, hier schläft der und der, bei dessen Geburt, Hochzeit, Tod und Leichenbegängniß ich gewesen und — Geld verdient habe. Man sollte wol glauben, der Mann hatte sich mit dm vielen Aemtern und Be-

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