Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 50 (8.12.1851)
- Date
- 1851-12-08
- Page
- Seite 591 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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591 sondern daß wir einer Gesammtheit angehören, deren Gesammtaufgabe wir fort und fort zu lösen beflissen sind! Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hirfchberg, 26. November. (Privatmitth.) Das Judcnthum wieder um eine Hoffnung ärmer und um eine Täuschung reicher. Wenn es auch keinem denkenden Menschen mehr fremd geblieben, wie wenig Ernst es den deutschen Regierungen um die bürgerlichen Rechte der Israeliten ist, und daß es nach wenigen lichten Momenten wiederum Nacht werden will am politischen Horizonte unsers Stammes, so ist doch die Wehmuth nicht geringer, allmälig einen Hoffnungsstern nach dem andern erbleichen und schwinden zu sehen. Ich kann Ihnen auch heute von dem Erlöschen eines Solchen berichten. Der als Schriftsteller wie als Philolog berühmte jüdische Doktor der Philosophie, Herr Wilhelm Freund aus Breslau, war seit dem Frühjahr 1848 interimistischer Lehrer der Prima am hiesigen Gymnasium und füllte die Lücke eines Direklvrs, der sonst einen Gehalt von 12—1500 Thaler bezieht, für kaum 400 Thaler. Er begnügte sich als erster Lehrer mit dem Einkommen des letzten, weil er sich mit der Hoffnung trug, endlich definitiv angestellt zu werden. Doch cs waren mit dieser Hoffnung drei Jahre dahin gegangen, und der Hauptlehrer der Prima, wie sehr er sich auch der Liebe und der Achtung seiner Schüler und Kollegen würdig zu zeigen wußte, und trotz der besten Zeugnisse seiner Behörden, behielt den Titel eines Schulamtskandidaten und Hilfslehrers und sein Gehalt wurde ihm als Remuneration gezahlt. Da wollte denn vr. Freund endlich einmal klar darüber werden, was er von seiner Stellung und von der Zukunft für dieselbe zu erwarten habe. DaS geistliche Ministerium erklärte hierauf offen und unumwunden: „konfessionelle Hindernisse ließen ein für alle Mal seine Anstellung nicht zu." Der wackere Lehrer nimmt also seinen Abschied und geht in so rauher Jahreszeit übers Meer nach England, während seine Familie einstweilen in Berlin zurückzublciben genöthigt ist. In London hofft F. ein glücklicheres Feld für sein umfangreiches Wissen und seinen eisernen Fleiß sindm zu können; wiewol das Opfer groß ist, das er der Ueberzeugung seines Herzens bringt und dem Glauben seiner Väter. Rührend war die heute stattgehabte Abschiedsfeier der Anstalt. Sämmtliche Schüler und Lehrer (bis auf einen gewissen Oberlehrer P,, der mit bewunderungswürdiger Naivetät behauptete: Ein Jude könne nimmer sein Kollege sein!) hatten sich in einem Saale des Gymnasiums versammelt. Herr Prorektor Ender, der Verwalter des Direktorats, sprach auf eine höchst liebenswürdige und herzliche Weise dem Scheidenden Worte des Dankes und der Anerkennung seiner wahren Verdienste um das hirschbcrger Gymnasium und bezeichnete seinen Abgang als ein Unglück für dasselbe. „Es liegt nicht in Euch, meine jungen Freunde," sprach er zu den Schülern, „daß Euch dieser würdige Lehrer, den Ihr alle so lieb hattet, verläßt; es liegt auch nicht in uns, seinen Kollegen, wir erkannten seinen Werth, und noch weniger liegt es in ihm selbst — es liegt in Etwas, das zu nennen hier nicht der Ort ist." — Nachdem auch ein Schüler der I. Klasse im Namen der versammelten Jugend dem Scheidenden Worte des Dankes und der ungetheilten Liebe ausgesprochen hatte, nahm Di-. F. tief ergriffen das Wort und sprach unter Anderm: wie er nach 20jähriger Hoffnung beim Antritt seines Amtes so glücklich gewesen, in unserm schönen Gebirgsthale den Freuden der Natur und den Wissenschaften zu leben, und wie er am ersten Sonntagsmorgen in seinem Rosengärtchen die rufenden Glocken der Kirche vernahm, da jauchzte sein Herz; denn eS erinnerten ihn die Glocken so mächtig, daß er berufen sei, als Israelit in einer christlichen Anstalt neben der Pflege der Wissenschaften auch die theueren Schätze der Religion aus dem tiefen Schachte seines Herzens hervorzuholen, um sie seinen Schülern wcrth und liebenswürdig zu machen, und so das Vorurtheil zu bekämpfen, als könnten nur christliche Lehrer mit Erfolg an christlichen Anstalten wirksam sein; daß aber die eiserne Macht dieses Vorurtheils wenigstens höhern Orts nicht zu besiegen war, das ist der Grund, warum er seinen lieb gehabten Wirkungskreis, seine treuen Schüler und Kollegen, seine zahlreichen Freunde und Gönner und endlich sein Vaterland verlassen müsse, um jenseits des Meeres sich eine Heimath zu suchen. Abends brachten ihm die Primaner und Sekundaner ein Ständchen, und hatten diese jungen Leute auch nicht weniger als sechs Mal von ihm Abschied