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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-12-01 · Heft 49 (1.12.1851) · p. Seite 586

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 49 (1.12.1851)
Date
1851-12-01
Page
Seite 586 (sequence 10)
Language
German
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586 Freiheit gesetzt werden, zumal er ja beschnitten sei und auf ihn die Strafe des Verbrennens nicht anwendbar sei. Es ist schon interessant, über die Derwische Ihnen Etwas mitzutheilen, und ich gebe Ihnen darum eine kurze Beschreibung dieser sonderbaren Klasse. Derwisch heißt eigentlich echt unschuldig, kindlich. Die Beschäftigung dieser Derwische ist, auf öffentlichen Plätzen dem Volke Moral zu predigen. Ihr Aeußeres ist höchst erbaulich! Ein langes, oft jahrelang nicht gewaschenes Hemd, ein lederner breiter Gurt oder Strick, ein Knittel in der Hand, so erscheinen sie jedem Fremden fürchterlich. Mit bloßen Füßen und Kopfe, mit langen, wild herunterhangenden Kopfhaaren, großem Barte, scheinen sie dem Wilden ähnlicher als dem Menschen. Ihr zweites Geschäft ist betteln, und viele betteln sich reich, und ihre Prophezeiungen und der Aberglaube und die Dummheit des Pöbels kommen ihnen gut zu statten. Ihre Andacht ist den ehemaligen Baaliten (1 Könige 18, 18.) nicht unähnlich/ Unter Brust- und Nasenröcheln, so daß manchmal Blut aus dem Halse fließt, unter häßlichen Tönen und Bewegungen, fallen sie gewöhnlich zuletzt erschöpft und bewußtlos zu Boden. Neben meiner Behausung wohnt in einem elenden Winkel ein solcher Heiliger, oft werde ich halbe Nachte durch seine Andachtsübungen gestört. Er hat noch eine kleine Pauke bei sich, auf die er mit blechernen Löschen hinschlagt, und begleitet diese entsetzliche Musik mit seinem Halsröcheln. Ihre Nahrung soll nach ihrer Vorschrift in dem Nothdürftigsten bestehen, doch wissen sie unter dem Scheine der Enthaltsamkeit sich Alles zu verschaffen. Gauner und Betrüger sind nicht selten unter ihnen, aber auch nicht minder Männer von Geist. An meine Thüre kam einer mit schneeweißem Kopf und Barte — aber ich merkte bald, daß das Ganze nur Betrug war. In der Gegeno von Damaskus laufen diese Heiligen oft nackt umher. Sie sollen das Bild der Unschuld vorstellen. (Ueberhaupt ist es ein merkwürdiger Zug des Islams, wie verkehrt er das Verhältniß, in dem der Geist zur Kontemplation stehet, auffaßt. Die Blödsinnigen und Verrückten*) halten die Moslemin für auserwahlte Ge- *) Freilich darf man die Tollen nicht darunter verstehen, denn die werden wie reißende Thiere von den Türken behandelt. Wer das Tollhaus in Eahira jemals gesehen, wird es glauben. Durch niedere, mit stark sich kreuzenden Eisenstangen wohl verwahrte Löcher in der Wand eines großen Hofraumes, sieht man in engen, finsteren und feuchten Kerkern die Armen, die den Versäße der göttlichen Gnade, welche des irdischen Verstandes nur darum beraubt seien, um unabgezogen von äußeren Eindrücken in ungestörter Betrachtung der himmlischen Dinge zu leben. Die Meisten dieser Santonen (Heiligen) gehören der Klasse der Derwische an, sie gehen völlig nackt, ohne irgend eine Bekleidung und unter den Prärogativen befindet sich das jus petendi debilum von allen Damen, denen diese Gewährung Ehre und Religionspflicht ist, dem Wunsche dieser Heiligen selbst auf offner Straße zu entsprechen. Einem jeden dieser Derwische wird eine kleine Moschee über das Grab erbaut, neben welchen sich häufig Brunnen befinden.) Sie sind auch wunderbare Aerzte. Mit Gebeten und Beschwörungen, mit Räuchereien und Amuletten vermögen sie jede Krankheit zu heilen. So bornirt sie sich oft stellen und größtentheils auch sind, so wissen sie doch selbst den Pascha's das Geld aus der Tasche zu locken und sie zu hintergehen. So entdeckte im vorigen Jahre ein heiliger Seher im Geiste, daß neben dem Teiche bei Burak ein Schatz begraben sei. Sogleich schickte der Pascha, nachdem er das Geheimniß dem Derwisch theuer bezahlt hatte, Militär dorthin, es wurde gegraben Tag und Nacht — inzwischen machte sich der Derwisch aus dem Staube — aber man fand Nichts. So ging es vor einigen Jahren, wo man in Liberias neben der heißen Quelle auf allerhöchsten Befehl (!), Her Aussage eines h. Scheches halber, Nachforschungen hielt, um Gold zu suchen. Der Erfolg wurde ebenso gekrönt, wie hier. Die grüne Farbe war einer religiösen Tradition zufolge den Muhamedanern heilig, nur den Mekkapilgern und den Heiligen ist es gestattet, einen grünen Turban zu tragen. Elias, der Prophet, wird darum „al Chatr“, der Grüne, genannt, weil er sich öfters auf grünen Wiesen offenbare. — Vor einigen Jahren wurde in Konstantinopel auf öffentlicher Straße ein englischer Lord mißhandelt, weil er grüne Hosen trug. Meine Schwiegermutter wurde einst mit gezogenem Dolche von einem stano verloren, auf dem Lehmboden in ihrem eignen Unrathe sitzen, kaum verhüllt von einigen Lumpen, bedeckt von Ungeziefer vieler Art, welche die schmerzenden Stacheln in die Haut der Unglücklichen drücken. Mit schweren Ketten um den Hals, die ihnen die Haut wund quetschen, finD sie an große, in der Mauer befestigte Eisenringe angeschloffen, und empfangen nur so viel Nahrung, um dem Hungertode zu entgehen. Die Meisten haben auch noch Füße und Hände mit Ketten belastet. Das ist die Anstalt, welche den unglücklichen Menschen den verlorenen Verstand wiedergeben soll!

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