Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 48 (24.11.1851)
- Date
- 1851-11-24
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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574 den Knaben lehren, Ihr werdet keinen Zweifler und Abtrünnigen aus ihm machen, denn Ihr seid selbst keiner. Aber nun, Muhme, besorge uns Kaffee, Du weißt, der Bachur Josiel ist ein Freund davon. Bachur Josiel war der Sohn eines prager Schuhmachers. Es war eine Lieblingsunterhaltung des Bachur, von seiner Kindheit und Jugendzeit zu erzählen. Er war ein Knabe von acht Jahren, als im Anfänge des zweiten schlesischen Krieges jene Erstürmung der prager Judenstadt von kaiserlichen Soldaten erfolgte, die Hunderten der Unglücklichen das Leben raubte, die Meisten in die bitterste Armuth und die fürchterlichste Nolh versetzte. Aber noch schrecklicher war für die Juden Böhmens das bald darauf ergangene Dekret der juugen Königin Maria Theresia, wodurch sämmtliche Israeliten aus dem Lande verwiesen und binnen kurzer Zeit die Stadt zu raumen angehalten wurden. Wenn der Bachur auf die Schilderung des Elends, der Bestürzung, der Rathlostgkeit, die damals seine Landsleute und Glaubensgenossen betroffen, kam, wenn er die Einzelheiten jener Lage beschrieb — dann erglühete er bald im Zorn und seine Stimme wurde wie der Donner, der von den Bergen durch das Tbal hallt, bald ergoß er sich in elegische Klage und sein Mund lispelte unter Seufzern der Brust vom Drangsale der Menschheit. Sein Vater aber war ein praktischer Mann, der nicht umsonst in seinen Geselleniahren Deutschland und Polen durchwandert hatte. Er wartete nicht darauf bis das Geld der Judenschaften die hohen Dränger zur Milde gestimmt und bis die Gesandten der Machte England und Holland den Widerruf des furchtbaren Dekrets vermittelt hatten. Wir sollen fort, sagte der Schuster, weit wir für den jungen Preußenkönig spionirt haben sollen — er hat freilich an der Spitze seiner hunderttausend Krieger weder meiner ledernen Weisheit, noch der Gelehrsamkeit des prager Rabbiners, noch des Pilpuls seiner Schüler bedurft, um Schlesien zu nehmen — aber da wir doch angeblich für ihn leiden, so will ich mein Felleisen von Neuem schnüren, meinen Schemel und meine Schusterkugel und Sabbatlampe verkaufen und, mein Josierl und mein Hannerl an der Hand und mein Weib zur Seite, nach Preußen ziehen. Wird mich der König Friedrich wol wegjagen? — Das that nun freilich König Friedrich nicht, es thaten's nicht einmal seine Beamten, aber wo sich der Judenschuster niederlaffm wollte, da erhoben die christlichen Meister ein großes Geschrei ob der nie erhörten Frechheit und liefen zu den Bürgermeistern und Amtleuten mit ungestümer Forderung, dem Juden den Laufpaß zu geben, denn sie würden nun Alle mit Weib und Kind Hunger sterben und überhaupt die ganze Stadt zu Gruude gehen, wenn der Judenschuster hier Besitz des Dreifußes nähme und den Pfriemen schwingete. Es half also dem Vater Jossel's nicht, sein Vertrauen zum großen Friedrich, Nichts seine Versicherung, daß er eben darum sein Vaterland hatte verlassen müssen, weil man ihn mit sammt seinen böhmischen Glaubensgenossen bezüchtigt hätte, der preußischen Sache gedient zu haben. Da raunte es ihm, wie Prophetenspruch in's Ohr: „Zeuch zu den Chittäern, Schuster!" er verließ die Grenzen Borussia's und ging in eins der Fürstenthümer. Siehe da, er kam eines Abends auf dieser Wanderung in einem kleinen Städtchen an, trat in ein Wirthshaus und versammelt war gerade in der Stube die ganze Innung seines ehrsamen Handwerkes. Die Wirthsstube hatte nun das Gute und Eigenthümliche, daß in ihr die Grenze zwischen Preußen und dem Fürstenthume verlief. Ein Pfeiler bezejchnete die beiderseitigen Marken, an dessen einer Seite der preußische Adler, an der andern der Löwe des Fürstenthums befestigt war. Da nun die Schuhmacher in der fürstlichen Halste Rath und Sitzung hielten, so konnte sich der wandernde Jude ungestört im andern Gebiete niederlassen und zuhören. Da vernahm er denn, wie die ganze Innung voll Wuth und Ingrimm gegen den regierenden Bürgermeister, der ein geborener Schneider war, tobte, daß dieser den Jahrmarkt von dem Schusterplatze, wo er seit Gründung der Stadt gehalten wurde, nach dem Schloßplatze verlegt hätte, überhaupt seit Jahren sich Eingriffe in die Rechte der Innung erlaubte, den Schmuggel mit Leder inhibirte und viele dergleichen Schandtharen verübte. Von seinem Grenzposten aus — der für ihn kein verlorner werden sollte — horchte der Vater Jossels auf die Reden und Anschläge der Genossenschaft, er vernahm, welche Pläne sie faßten, ihren Feind, den regierenden Bürgermeister, zu stürzen und eine neue Freiheit über das gedrückte Schuhmacherhandwerk heraufzuführen. Aber auch hier — wie bei allen Rebellen der alten und neuern Zeit — entstand noch während der Bildung des Komplottes Zwiespalt in ihren Reihen, doch war die rechte Seite hier ungewöhnlich schwach besetzt; sie bestand allein aus dem Altmeister der Innung, Namens Jordan. Er wollte sich nicht darauf einlassen, den Bürgermeister bei der Regierung zu verklagen und auf seine Absetzung zu dringen, er sah überhaupt den großen Schaden der Der-