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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-11-24 · Heft 48 (24.11.1851) · p. Seite 573

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 48 (24.11.1851)
Date
1851-11-24
Page
Seite 573 (sequence 9)
Language
German
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573 „Was noch das Schlimmste ist," meinte *r, „er soll auf dem Baume ein Lied aus der Kirche gesungen haben." Singen kannst Du auch, mein Bube? o sing' mir vor, was Du gesungen hast. Zögernd sah ich mich in der Stube um. Aller Blicke weilten freundlich auf mir. Nur der Vater sah ernst aus, aber der Bachur schien eine solche Gewalt über ihn zu haben, daß er schwieg und mich ruhig ansah. Deshalb faßte ich Muth und begann mein Leid'. Besieht du deine Wege und was dein Herze kränkt u. s. w.- Mit stillem Entzücken hörte mir Bachur Joffel zu. Nun, Freund, redete er den Vater an, was ist mit dem Liede? Ist es nicht schön? Ist es so verschieden von dem, was wir selbst fast täglich singen und beten. Sagt es etwas Anderes, als: „auf allen deinen Wegen trau' auf ihn und er wird dir deine Bahnen ebnen"; oder „Herr, mach mir deine Wege kund, deine Pfade lehre mich". Ich kenne das Lied. Wißt Ihr von wem es ist? Es ist von einem Prediger, der fromm wandelte vor Gott und mit den „Frommen aller Völker der Welt Antheil haben wird an der künftigen Seligkeit", weil er aber nicht so lehrte, wie er wollte, verwies ihn der Churfürst von Brandenburg des Landes und stieß ihn hinaus mit Weib und Kindern aus seinem Pfarrhause. Wie er nun in der Herberge lag und die Mutter mit dem Säugling an der Brust verzweifeln wollte, da dachte er: „Vertraue auf den Herrn mir deinem ganzen Herzen", und „Wälz' nur auf ihn deinen Weg, und trau auf ihn, der wird's vollbringen, ec führt dein Recht wie Licht herauf, wie heller Mittag dein Gericht", und setzte sich hin und schrieb das Lied und faßte Muth. Auch sein Weib tröstete sich. Und wißt Ihr nun, was Gott gethan? In dem Augenblick klopft es am Thor der Herberge, es waren Reiter vom Herzog von Sachsen. Der hatte von des Mannes Noth und Verfolgung gehört, ließ ihn in sein Land bieten und setzte ihn ein mit großer Ehre und friedlichem Auskommen. Das ist also so was gar Schlimmes, daß Euer Kind das Lied gesungen? Er srug mich, wo ich denn das Lied gehört hätte. Ich erzählte ihm nun aufrichtig und durch seinen Beifall gehoben, wie ich es in der Kirche zu Weinbach gehört und mir gemerkt hatte. Ec wunderte sich nur, daß durch einmaliges Anhören es sich so tief in mein Gedäcktniß geprägt hätte, obgleich natürlich manche Wortversetzung vorkam. Und was wollt Ihr, sagte er jetzt zu meinem Vater, mit dem Kinde beginnen? Soll es hin zum langen Rebi, in seine Schulstube, sich das Kinderherz zerdrücken zu lassen und seine Jugend morden? Freund, mit ^jedem Schrecken, den das Angeschrei des ungezogenen Mannes dem Kinde giebt und der die zarten Glieder zusammenbeben macht, mit jedem Schlag, den er ihm in dies Angesicht, den Spiegel göttlicher Menschenwürde, versetzt, wird eine Blüte in der unsterblichen Seele, die derHauch ist der nie vergehenden Liebe Gottes, zerknickt — werden die Blättchen von dem Baume der Erkenntniß und des ewigen Lebens abgestreift. Freund, Ihr armer Jude, Ihr könnet Eurem Kinde wenig geben und doch so viel entreißen! Nimmermehr darf mir der Knabe zum langen Rebi. Wollt Ihr ihn mir zum Unterrichte geben? Ich will sehen, was ich aus ihm machen kann. Wahrend der Mann dies sprach, hatte sich seine sonst nicht große Gestalt wahrhaft gehoben, sein Gesicht glühete, seine Augen leuchteten und wurden naß, er stand mitten in der Stube und schlug zu wiederholten Malen die Schöße des weiten Oberrocks, in welchen er gekleidet war, über einander. Die übrigen Bewohner hörten verwundert zu. Mein Vater saß noch neben dem Ofen mit vorgebücktem Körper, das Kinn mit der angestemmten Hand stützend, an der Thür blieb die Muhme stehen, die eben hinausgehen wollte, um Kaffee zu kochen, sie ließ die messingene Wasserkelle sinken und sah bestürzt auf die Männer, denn sie konnte nicht begreifen, wie der lange Rebi auf einmal dazu gekommen ist, die Kinder morden zu wollen und wie man einen so gefährlichen und verrückten Kerl noch auf freiem Fuße lassen könnte, ihre Lippen bebten, bis sie still ausrief: Gott erbarme sich, was muß man hören! Meine Geschwister saßen im Winkel auf einer Bank, ich aber stand vor dem Bachur, jedes Wort siel wie ein Thautropftn auf mein geängstetes, dürstendes Herz. O, dachte ich, das ist ein Mann wie mein Herrli, und doch noch anders gut. „Bachur," sagte mein Vater, „Ihr seid ein gar wunderlicher Mann. Klug werde ich nicht aus Euch, aber lieb muß ich Euch doch sehr haben. Ich kann mir nicht Alles erklären, was Ihr wollt, was Ihr sagt, was Ihr thuet, und doch verstehe ich mich so halb und halb darauf. Anders ist es mit Euch als mit vielen unserer Lehrer und Gelehrten, wenn sie heimkehren von den großen Schuten und die Männer des Gesetzes gehört haben. Aber soll ich sagen schlechter? Gott bewahre, es scheint mir besser. Was thuet Ihr Böses? Nichts. Ihr befolget ja alle unsere Vorschriften. Ihr möget immerhin 48*

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