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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-11-24 · Heft 48 (24.11.1851) · p. Seite 572

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 48 (24.11.1851)
Date
1851-11-24
Page
Seite 572 (sequence 8)
Language
German
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572 herum, vor dem Hause des langen Rebi vorbei, den wir mit feiner Ehehälfte schreien und keifen hörten, und wir standen vor der Thür, aus der die Muhme und die Geschwister an unfern Hals stürzten. Hinter mir lag zwar ein schöner Sommer — ach, der schönste meines Lebens — hinter mir, weit entfernt, stand zwar des guten Herrii freundliche Gestalt und sein liebliches Häuschen voller Kinderfreuden und Kinderwonne und vor mir lag die Qual der Schulstube und das Gespenst des Langen, — aber ich war ja wieder in der Heimath, die Geschwister jauchzten um mich, die alte Muhme sprang wie ein Kind um mich herum, in die Hände schlagend vor lauter Verwunderung, daß ich so groß und so hübsch geworden und so gelenk und rührig, ganz anders wie vor dem kurzen halben Jahre. Die Geschwister zogen mich an den Armen nach dem Hofe, um mir die prächtige, kleine Laubhütte zu zeigen, die auch sie gebauet hatten, dann wateten wir durch Linden- und Pappclblätter, die von den Bäumen schon abgefallen waren und welk auf der Erde lagen. Mir war Alles neu und doch bald wieder das Alte. Am Abende ward früh Licht angesteckt, denn es waren ja Halbfeiertage, ich mußte der Muhme vom Herrli erzählen, sie ward nicht müde zu fragen, denn Herrli war das Götterbild der ganzen Familie. Der Vater saß am Ofen, in dem schon ein freundliches Feuer brannte, denn es wird hier früher kalt, als in der Ebene. Er las mehrere Briefe, die während seiner Abwesenheit angekommen waren. Da öffnete sich die Thür und herein trat ein Mann, den mein Vater mit großer Freude begrüßte. „Seid mir in Gott willkommen, Bachur Jossel," rief er ihm zu, „ich habe mich, das weiß Gott, den ganzen, schlechten Weg über auf Euch gefreuet, Friede mit Euch!" Mit Euch sei Friede! erwiderte der Mann. Schon dreimal habe ich die Muhme gefragt, ob Ihr noch nicht heim seid, ich war schon auf dem Hügel beim Hause des Rebi und habe durch meine Brillen nach der Gegend geschauet, wo Ihr Herkommen mußtet. Gott! was habe ich Euch bedauert und das Kind bei dem schlechten Wetter und dem miserabeln Wege unterwegs zu sein. Gottlob, daß Jhr^hier seid. Ich habe den ganzen Tag mit Lesen und Lernen zugebcacht, daß mir's in den Augen drückt, die Abende werden schon lang und zu wem soll ich hier gehen? „Setzt Euch nur gleich zu mir, Bachur, es ist behaglich warm, ich habe Euch Grüße zu bringen vom Herrli, den ich viel von Euch erzählt, auch von Eurem Wetter in Weinbach und von Hirsch Strutzberger." Aber der Bachur hatte schon seinen Blick auf mich gewendet. Er näherte sich mir, hob mich in die Höhe und sah mir scharf in die Augen. Das ist also, lieber Freund, Euer herziges Jüngelchen, das Ihr wieder vom Herrli geholt und nun hier behalten wollet. Freund, ich sehe es aus den Augen des' Knaben, er wird gut werden „ein Zweiglein aus dem Stamme der Redlichen", wie der Prophet sagt, „ein grünes Reis ist Josef", er wird werden ein „Baum, gepflanzt an Wafferdächen, der seine Blätter nicht zu frühe abwirft." „Gebe das Gott," sagte der Vater, „fast möchte ich zweifeln. Er hat mir gleich in diesen Tagen viel Kummer und Verlegenheit bereitet." Der? fragte der Bachur, das Wort lang ziehend. „Ja, er. Denkt Euch, er ist am Festtage zu Jmmenweiler in einen Baum gestiegen und hat den Knaben Bucheckern zugcworfen. Die eilten schnell davon und erzählten es den Leuten. Nun denkt Euch den Lärm und das Aufsehen, die solche That veranlassen mußte." Der Bachur schüttelte den Kopf. Er stellte sich vor mich und redete mich an: Eine solche That hast du verübt, Jüngelchen, und Jmmenweiler steht noch auf dem alten Fleck? und die Synagoge ist nicht eingestürzt und hat den alten Fleischscharrn mit dem Kellerbad begraben? und Reb Hirsch Strutzberger, den ich bei der Kunde hätte sehen mögen, wie er Schaum spritzte, wie das tobende Meer, und wie sich die Warze blutcoth erhob auf seiner Nase, verleihet noch auf Pfänder und singt noch Büßerpsalmen und lebt überhaupt noch? O, mein Sohn, warum hast du die Bucheckern heruntergeworfen und hast sie nicht in die Tasche gesteckt, dann hätten die Knäblein auf Dich gewartet bis Du heruntergekommen und hätten Dich wie einen Helden nach Hause begleitet, hoffend auf die Vertheilung der süßen wilden Früchte und Keiner hätte Dich verrathen. Warum willst Du überhaupt in Israel so hoch steigen, dummes Kind, da brechen die Zweiglein ab und die faulen Aeste, auf denen Du in die Höhe steigst, und hätte Dich gar der christliche Förster des Grafen bekommen, es wäre Dir noch schlimmer gegangen als bei dem Strutzberger. Ich sah verwundert, aber vertrauungsvoll zu dem Mann hinaus und wußte nicht, was ich aus seiner Rede machen sollte. So viel merkte ich, so schlimm wie Hirsch war er nicht. Mein Vater lächelte zwar, aber es schienen ihm die Worte des Bachur nicht ganz zu gefallen.

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