Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1851)
- Date
- 1851-11-10
- Page
- Seite 550 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3225714-3225761--12068-3242219- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
550 schen den beiden Fremden, in deren Mitte er sich ausnahm wie eine Kreuztanne zwischen zwei Eichen. Hier war nun die Judenheit in ihrer Zerstreutheit unter den Völkern der Erde wirklich repräsentirt — der Jerusalemiter, Signor Todeos, in edler Haltung, im orientalischen Pomp seiner Kleidung, mit der arabischen Physiognomie, die Beine kreuzweise beim Sitzen über einander schlagend, von den Ufern des Jordans, von den Bergen Libanons hergekommen, von Völkern, die, wenn auch von Sultan und Pascha's regiert, doch noch nicht das, Weh kennen und die Feffeln tragen, welche die europäische Gesellschaft und Konvenienz und ein gekünsteltes Staatsleben der Menschheit auferlegt haben, — der polnische Mann von dem Ufer der Weichsel, den slavischen Volksstamm seiner Heimath nicht verleugnend, wie er von Tag zu Tag unbekümmert um die Zukunft in träger Indolenz sich fortschleppt, in verblendetem Stolz auf seine Vorzüge, die Zivilisation nicht achtet, die dennoch wie der Tropfen nach und nach den Stein aushöhlt, auf ihn einwirkt — der Deutsche endlich mit seiner gutmüthigen Philisterei unter tausend Zwickzwackereien des Lebens, unter sein grünes Laubdach, durch das bald Mond und Sterne funkeln, bald Regengüsse schießen, Alle sammelnd, Allen mittheilend vom im Schweiße des Angesichts erworbenen germanischen Ertrag- und Sammelwerke. — Frau Hirsch trug für die vielen Gaste der Hütte eine große, mächtige Schüssel mit Suppe auf, ihr Mann, der aufgeben wollte, ruderte mit der Kelle in der mit vielen Küchenkräutern bedeckten Brühe und fischte aus dem Grunde eine Taube auf. Schmunzelnd sprach er die Gesellschaft an: „Meine Hausfrau laßt sich nicht bedeuten. Ich habe ihr schon oft die Geschichte vom Urvater Noah erzählt. Wie der auf's Aufhören der Sündfluth harrte, schickte er aus die Taube und wie sie mit einem grünen Blatte im Schnabel zurückkehrte, merkte er, daß die Wasser sich vermindern. Hier ist die Taub' und eine ganze Schüssel Grünes, aber die Sündfluth der wässerigen Suppe hat immer noch nicht aufgehört." Nur der an der Ecke sitzende Diener, ein hatbwachsener Bengel, das Faktotum des Hauses, belachte den Witz, aber es war, als wenn für Beide die Strafe für das auf's vulgäre Leben geprofte edle Reis der Schrift auf den Fuß von oben folgen sollte. Plumps! fiel der große Kürbiß, der mit seinen eingesetzten Talglichten in der Mitte der Laubhütte hing, herab, siel auf die Nasenwarze hes SttUtzberger und senkte sich von da, wie ein untergehendes leuchtendes Meteor, in die Sündfluth, daß die heiße Suppe ringsumher sprützte, das Gesicht des Hauswirthes und des Polen verbrannte, so daß diese in Schmerzensgeschrei ausbrachen, wahrend die Talglichte ihre Flammen zischend begruben. In demselben Augenblicke fuhr aber auch eine Mütze wie ein fliegender Fisch über die spritzenden Wellen des Schüsselozeans, es war die des Dieners. Hirsch hatte ihm sofort ein Kopfstück (kein silbernes) versetzt, daß die Bedeckung einen so hohen Flug nahm. Der Bengel hatte den Kürbiß, diese laubhüttliche Astrallampe, zu lose befestigt, Hirsch hatte es ihm gleich bei der Arbeit bemerkt, aber der Mensch wollte keine Rason annehmen. Ein allgemeiner Aufruhr folgte, den doch die sanfte Hausfrau stillte, indem sie alsbald den zweiten Gang mit einigen Flaschen Rebensaft brachte, der ja auch nach der wirklichen Sündfluth den Erzvater Noah für alle Beschwerden entschädigt und beruhigt hatte. Beim Tischsegen, dessen Ehre dem Jerusalemiter übertragen wurde, freuete sich sogar Strutzberger sehr. „Wir sind doch ein einziges Volk," sagte er, „der Mann vom Jordan und Euphrat sagt denselben Tischsegen, den wir hier an der Redach und Muschwitz beten, wenn er auch Baruch statt Boruch ausspricht!" Noch steht ihr vor mir, Bilder und Personen meiner Jugend, und die Erinnerung an euch gewährt dem Greise die reinste, edelste Erheiterung! Es ist süß, das Gewebe des Lebens auf die Faden, die sich in der frühesten Zeit unsers Daseins anspannen, zurückzuführen. Es war am andern Tage, als wahrend des Gottesdienstes meine neuen Kameraden mich außerhalb des Fleckens führten, um in einem nahen Buchenwäldchen zu spielen. Als mir aber dies endlich zu langweilig wurde, kletterte ich nach gewohnter Weise in eine dickbelaubte Buche, wiegte mich vergnüglich auf dem Gipfel und warf den Knaben, die mich anstaunten, Buchnüffe herab. Es war so stille im ganzen Wäldchen und ich fühlte mich sehr glücklich, wieder einmal auf einem Baume zu sitzen und rings um mich schauen zu können. Da kam mir das Kirchenlied wieder in den Kopf dessen Verse und Melodie ich seit vierzehn Tagen mit mir herumtrug, und mit lauter Kehle begann ich: Weg' hast du allerwegen. An Mitteln fehlt's dir nicht, Dein Thun ist lauter Segen, Dein Gang ist lauter Licht! Dein Werk kann Niemand hindern. Dein' Arbeit darf nicht ruh'n, Wenn du, was deinen Kindern Ersprießlich ist, willst thun.