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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-11-10 · Heft 46 (10.11.1851) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 46 (10.11.1851)
Date
1851-11-10
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
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544 Di. Deffauer neue Regsamkeit gewonnen und seinen Bemühungen ist es gelungen, der Gemeinde, welche ihre Tobten bisher in einem benachbarten Dorse begrub, einen eignen Todtenacker zu verschaffen. In dem hiesigen Schullehrerscminare, das im Vorbeigehen gesagt noch immer die Aufschrift „für den Rezat- und Obermainkreis" trägt, leben dermalen keine jüdischen Zöglinge, und an der israelitischen Religionsschule wirkt ein alter Mann, der nach einer schweren Krankheit am Tage meiner Anwesenheit gerade wieder zum ersten Male Schule hielt. Eine sehr interessante Erscheinung war mir der hiesige Rabbine, Herr Roscnfeld, der Nestor unserer wissenschaftlich gebildeten baierschen Rabbinen, der schon vor fast 40 Jahren an seiner frühem Stelle deutsch predigte, reformirte und schriftstellerte, der ein Herz für das geistige Wohl unserer Glaubensgenossen bewies, der sich aber auch dadurch und durch manche öffentliche Acußerung, wie z. B. „Mannigfaltigkeit der Religion sei Zweck der Gottheit" rc. rc., den Bann des fürther yn rra (Rabbinat) zuzog, in dem er noch lebt. Er hat aber dem Manne gar Nichts geschadet, denn ungebeugt an Körper und Geist steht Herr Rabbiner Rosenfeld da im hohen Alter mit jugendlicher Geistesfrische, mit offnem Sinn für die Bestrebungen der Neuzeit und hochgeachtet ob seiner Vergangenheit. Zu meinem großen Bedauern konnte ich dessen gütiges Anerbieten, mir die Merkwürdigkeiten der Stadt zu zeigen, wegen des Abgangs des Eisenbahnzugs, nicht annehmen, der mich nach der großen Gemeinde Burgkunstadt, in das sogenannte Gebirg brachte, wo seit Langem die Ultras der baiersch-jüdischen Neologie zu Hause sind. In der Thal ist es hier so weit gekommen, daß das bei den am Sabbat stattsindenden Gemeindeversammlungen abgefaßt werdende Protokoll von sämmtlichen Gemeindegliedern unterzeichnet wird. Juden und Christen leben hier gesellschaftlich auf gleichem Fuße, und in einer geschlossenen Gesellschaft, die ihr eigenthümliches Lokal besitzt, sah ich christliche Frauenzimmer mit jüdischen schwesterlich beisammen sitzen; auf kleinen Plätzen eine seltene Erscheinung, weil sich gemeiniglich christliche Frauenzimmer nur vornehm die Nase rümpfend in geselliger Beziehung den jüdischen nähern. Viele Familien nähren sich ausschließlich von ihrem Handwerk und die anderen betreiben durchweg solide Geschäfte. Trotz all' dem gab es im Jahre 1848 hier eine Pöbelemeute gegen jüdische Fenster und Thüren, in Folge deren die jüdischen Gemeindeglieder von der Verfolgung eines Anspruchs an gewisse Gemeinderechte abzustehen für nöthig erachteten. Vor Kurzem wurde hier eine zweite israelitische deutsche Schule gegründet, an welcher Herr Rau rüstig und mit pädagogischem Geschick arbeitet. Beide Schulen befinden sich in einem Jnterimslokal, da die Gemeinde den Neubau eines Schulhauses beabsichtigt. Die Synagoge, innerlich zweckmäßig und ansprechend eingerichtet, ist, weil an einem Arm des Mains belegen, feucht und finster. Herrn Rabbiner Traub, der seiner Gemeinde nicht reformfreundlich genug ist, konnte ich, weil ihn ein Familienweh heimgesucht hatte, nicht gehörig genießen, und wegen des schlechten Wetters den nicht ferne lebenden Rabbiner Herrn Gutmann in Redwitz, den Herausgeber der Apokryphen, zu meinem Leidwesen nicht besuchen. Mein nächstes Ziel war die Kreishauptstadt Baireuth, welche eine zahlreiche gebildete israelitische Gemeinde in ihren Mauern hat. Herr Rabbiner Dr. Aub, früher von der Orthodoxie angeklagt und verfolgt, erfreuet sich jetzt der ungetheilten Hochachtung und des vollen Zutrauens seiner ganzen Gemeinde. Ein konsequentes ernstes Streben mit Rechtschaffenheit gepaart und von einem guten Charakter getragen, findet am Ende immer Anerkennung, während religiöse Wackelmännerei allem Gute die Grube gräbt. Dr. Aub ertheilt am dortigen Gymnasium Unterricht und wird, wie mir von einer treffenden christlichen Persönlichkeit mitgetheilt ward, in die engeren Zirkel und Kränzchen der dortigen Professoren rc. gezogen. In der Person des Herrn Ebert besitzt die Gemeinde einen so geschickten Lehrer wie ausgezeichneten Vorsänger, und mag noch als Kuriosum erwähnt werden, daß die Kantoren der vier in der Stadt lebenden Konfessionen häufig mit einander Quartette in gebildeten Kreisen singen. *) Bei der am andern Tage meiner Anwesenheit ftattgefundenen Schulprüfung wurden unter Anderm auch drei Exemplare von Kramers „jüdischen Erzählungen" als Preisbücher vertheilt. — Die Synagoge, großartig, jedoch finster und verfallen aussehcnd, wird demnächst einer umfassenden Verschönerung unterworfen *) Bei einem solchen Vortrag im Kasino machte ein hochgestellter Beamter den Witz: „Der Jude ist doch überall der Erste!" Herr Ebert singt nämlich ersten Tenor. Korresp.

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