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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-11-03 · Heft 45 (3.11.1851) · p. Seite 538

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 45 (3.11.1851)
Date
1851-11-03
Page
Seite 538 (sequence 10)
Language
German
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538 Belletristisches. Der unbekannte Rabbi. Eine Novelle. (Fortsetzung.) 6. . Einige Personen. Mon Dien, comment peut-on ctre Persan 1 (Mein Gott, wie kann man ein Perser sein!) i>I o n t e s q u i e u. Es war nicht Herrli's einiger, aus der Fülle seiner Gnade unmittelbar nur Liebe spendender Gott, den ich hier verkünden hörte, und wenn auch der Knabe noch nicht alle Gegensätze der jüdischen und christlichen Lehre zu erkennen und zu unterscheiden wußte, so war durch des Großvaters Unterricht und Beispiel doch das Bewußtsein vom Gotte Israels mächtig erweckt, der Glaube Israels tief ins Herz gelegt worden. Erst spatere Zeiten sollten den Kampf wieder erwecken, den beide Weltreligionen in der Brust des denkenden und gefühlvollen Menschen erregen. Wol stellte ich mich am kommenden Sonntag, dem Borabende des Versöhnungsfestes, wieder an den Pfeiler in der Kirche, horchte mit Entzücken den Tönen der Orgel zu, erbauete mich an der Andacht der Gemeinde und der Ordnung im Gottesdienste, vernahm die Rede des Predigers, aber der Mittler, der mir hier geboten war, stellte sich zwischen Gott und das Herz des Kindes. Schon als der lange Rebi unter Püffen und Flüchen mich die Vorschriften des Opferdienstes in der mosaischen Institution übersetzen ließ — er begann ja seinen Bibelunterricht mit dem Levitikus! — war mir dies sehr langweilig gewesen und ich konnte nicht begreifen, wie Gott an diesem Schlachten der Thiere und an dem Rauche des Fettes Wohlgefallen haben könnte — als aber hier, nach dem Liede „durch Tod und Leiden" ihres Gründers die Gemeinde sich weiden sollte und hierdurch „mit Heil für Seel' und Leib bedacht" wäre, — da blieb auch die schöne Form des Dienstes für mich inhaltsleer, es sträubten sich in meiner Seele alle Eindrücke meiner Kindheit gegen die Worte des Pfarrers und gegen das Lied der Gemeinde. So kam denn der Abend und der lange Tag des Versöhnungsfestes. Mit dem Sichtbarwerden des ersten Sternes gingen Herrli und Vater in den Tempel, verbrachten dort die ganze Nacht, den ganzen andern Tag bis wiederum die Sterne heraufkamen, ich selbst wurde die Nacht über bei einem Freunde in Weinbach einquartirt, den Tag verblieb ich beim Herrli. Keine Speise und kein Trank berührte die ganze Zeit seine Lippen, er stand meistens in stille Andacht versunken und die Hand auf's Herz legend, nicht achtend der Umgebung, oft leise lispelnd Bußgebet und Psalmen, selten mit lauterer Stimme den Gott der Versöhnung und Erhörung anrufend. Was ich aber um mich erblickte stand mit der Andacht des Herrli und einiger Anderen in wahrem Kontrast. Den Meisten schien die Buße mit dem Fasten schlecht zu behagen und der Hunger und die Langeweile schienen sie mehr vom Himmel auf die Erde als von der Erde gen Himmel zu ziehen. Würden sie sonst so oft nach der Uhr gesehen oder den neugierigen Blick durch's Fenster geworfen haben, um zu sehen, ob der Tag sich noch nicht neige und die gewünschte Stunde der Versöhnung und — Erlösung komme, würden sie sonst das Gotteshaus so oft verlassen und auf dem Vorhose und unter den Eichen so viele Gespräche unter einander geführt und Erholung gesucht haben? So wie ich, kannten auch die Meisten den Inhalt der Gebete und Poesien nicht, wenn diese auch, zum größten Theil von spanischen Juden verfaßt, die wärmste Gluth religiöser Empfindungen hauchten, und was sie verstanden, wurde ja durch die ewige Wiederholung in seinem Eindrücke auf's Gemüth geschwächt. So erhaben der Inhalt jenes die höchste Lyrik anschlagenden Stückes in der Offenbarungsgeschichte ist, wo die Herrlichkeit des Herrn vor dem großen Seher vorüberzieht und er ausruft: „Ewiger, Ewiger, erbarmungsvoll und gnädiger Gott u. s. w.", da es fünfundvierzig Male an jenem Tage in der Synagoge ausgerufen wird, verliert es als Litanei den Zau-! ber seiner Macht auf das zerknirschteste Gemüth. Nur I als am Abende, vor dem Austritte aus dem Hause, von j sämmtlicher Gemeinde in lautem Ruf das Bekcnntniß: „Höre Israel, der Ewige, dein Gott, ist einig!" und das siebenmalige: „Der Herr ist der Gott!" erschallte und weit durch die Nacht gehört wurde, fühlte ich eine innere Befriedigung und ich trug das Bewußtsein meines Stammes und meines Glaubens mit hinaus aus dem Tempel in die Welt. Wir eilten nach Hause, die Nacht war ruhig, still leuchtete der Mond am Firmamente, und nicht eher setzten sich Herrli und Vater an den Tisch bis daß wenigstens ein Pfeiler der Laubhütte zum kommenden Hüttenseste aufgerichtetein Nagel in das erste Brett geschlagen war, auf diese fortlaufende Erfüllung des Gesetzes deutend den Psaltervers: „Sie schreiten von Dienst zu Dienst."

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