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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-11-03 · Heft 45 (3.11.1851) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 45 (3.11.1851)
Date
1851-11-03
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
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539 Es war die letzte Nacht, die ich jetzt im Hause des Herrti verbrachte, denn mit dem frühen Morgen wollte mein Vater nach Hause wandern und mich mitnehmen. Erst im Frühjahre sollte ich wiederkommen. Weinend hing ich lange am Halse des Herrti, der die Rührung seines Herzens nicht unterdrücken konnte, er begleitete uns indeß noch eine Strecke Weges, legte dann betend seine Hand auf mein Haupt und kehrte eiligst und schweigend um, ohne sich umzusehen, ich aber sah ihm lange nach und wohl fühlte ich, was ich dem geliebten Greise verdankte. Ich hatte die Entfernung von ihm doppelt schmerzhaft empfunden, wenn ich nicht den Vater wieder gehabt und die Aussicht auf das Wiedersehen im Hause den leicht abzuleitenden kindlichen Sinn erheitert hatte. Die Rückkehr nach unserm Dorfe wurde auf einem andern Wege, der durch eine flache Ebene führte, vorgenommen; in der ersten Nacht wollte der Vater in einem Flecken verweilen, wo er mit mehreren Bekannten Geschäfte hatte. Es ging durch Stoppel- und Kartoffelfelder, die keinen Reiz darboten, auch war mein Kopf noch von den Eindrücken der letzten Tage zu sehr eingenommen: in meinen Ohren klang bald der Ocgelton und der Choral des Kirchenliedes, bald schwirrten die seufzenden oder jauchzenden alten Melodien des Vorsängers im Tempel auf, so daß meine Phantasie bald hierhin bald dorthin geführt wurde. Wir langten am Nachmittage in dem Flecken an und treten in den Hof eines Freundes meines Vaters ein. Der Hausherr ordnete den Aufbau seiner Laubhütte an und saß dabei auf einer Bank, wahrend die Arbeitsleute beschäftigt waren. Es war sehr lebhaft auf diesem Hofe, besonders von Kindern, die allerhand Beschäftigung zu der Ausschmückung des heiligen Werkes betrieben. Hier lagen Haufen von Spargelkraut zur Bedachung, dort wurden rothe Hanbutten an lange Faden gereihet, um sie an den Decklatten anzuhängen und an die Wände zu breiten, Aepfel wurden vergoldet, aus Papier allerhand Körbchen geschnitzelt, Blumenguiclanden gewunden, Kürbisse ausgehöhlt und zur Illumination eingerichtet, auch daran hebräische Buchstaben geschnitten, von den Böden holte man alte Bilder und Figuren, sie in der Laubhütte zu ihrem Schmuck und ihrer Verherrlichung aufzustellen, denn es war keine kleine Ehre, die schönste Laubhütte in der Gemeinde zu haben. Der Hausherr stand von seiner Bank auf und nachdem er an meinen Vater sehr nahe herangetreten war, denn er schien sehr kurzsichtig zu sein, erkannte er ihn erst und begrüßte ihn freundtichst. Es war ein Heiner, etwas gebückter Mann in den sechziger Jahren, sein Gesicht war sehr faltig und runzlig, am Kinn saß ein kurzes graues Bärtchen, auf der sonst feinen Nase erregte eine große Warze meine kindische Aufmerksamkeit. Die Kleidung des Männchens vollendete die Sonderbarkeit seiner Erscheinung, denn auf dem kleinen Kopf saß ein mächtiger, kahl gebürsteter Dreimaster, den schmalen Leib umschloß ein brauntuchner Leibrock mit großen Knöpfen, die Chaussüre reprasentirten zwei kurze manchesterne Beinkleider, lange wcißwollene Strümpfe, große Schuhe mit — silbernen Schnallen. So sigurkrte Reb Hirsch Strutzberger, der für den ersten Talmudgelehrten der ganzen Umgegend galt und als eine Leuchte des Gesetzes gepriesen wurde. Nachdem er meinen Vater mit dem „Friede mit Euch!" begrüßt, mich aber gar nicht beachtet hatte, wandte er sich an ein Weib, die vor ihm stand und mit der er im Gespräch begriffen war. Es war eine ärmlich gekleidete Frau mit einer Haubenmütze auf dem Kopfe, in ihrem Gesichte malte sich ein tiefer Gram, sie hatte ein Päckchen in der Hand, in welchem — ein Sterbehemd lag. „Ich kann Euch, wie gesagt," sprach zu ihr der Stutzberger, „ich kann Euch bei meinem Leben nicht mehr als zwei Gulden auf den Kittel borgen. Vier Jahre habet Ihr ihn nun schon bei mir versetzt und holt ihn jedes Jahr vor den großen Festtagen, und bringt ihn nach ihnen wieder her zum Versatz. Nun wird er aber mit jedem Jahr abgeschlissener und dünner und ist nicht mehr so viel werth wie früher und einen Gulden Zinsen seid Ihr mir schuldig geblieben. Drum kann ich nicht mehr geben und werd ich nicht mehr darauf geben!" Das Weib sah ihn betrübt an. „Gott erbarme sich über uns," erwiderte sie, „habe ich nicht von Jahr zu Jahr gehofft, es soll uns besser gehen und ich soll den Kittel im Hause behalten. Glaubt denn Rebi Hirsch, daß es mir so angenehm ist, den Kittel meines Mannes bei ihm zu versetzen. Weiß Er nicht, daß mein Mann, Gott sei es geklagt, schon fünf Jahre an dem Knieschwamm liegt und keine Hilfe finden kann, daß all unser Habechen weggegangen ist, um die Feldscheer zu bezahlen, die den armen Leider gebrannt und bepflastert haben, und die Kinderchen zu ernähren und ihnen Gottes Wort beibringen zu lassen. Hab' ich nicht Rebi Hirsch Strutzberger selber alle Jahre sechs Gulden gebracht, um meinen David zur Tora zu bringen? Jetzt ist doch die Noth am Größten! Der Festtag kommt, die Kinderchen möchten auch gern eine Sukka bauen und es fehlt an Allem im Hause. Drum

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