Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-10-27 · Heft 44 (27.10.1851) · p. Seite 527

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 44 (27.10.1851)
Date
1851-10-27
Page
Seite 527 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3225714-3225759--12045-3242194
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

587 zerriß mein Herz, die Freiheit, die ich hier genossen, die Züge in den Wald, der Umgang mit den Gegenständen der freien Natur, hatten mich hier so glücklich gemacht, und dort erwartete mich wieder der lange Rebi und sein Schulzimmer. Ich setzte mich still unter die Kastanien, deren welkes Laub schon auf mich herabfiel, meine Gefühle, an diesem Tage so mannigfaltig aufgeregt, preßten sich in der jungen Brust zusammen, ich hatte weinen mögen, aber ich konnte es nicht. Die Nacht ging unruhig an mir vorüber, bis der Schlaf in den Morgenstunden die Sorgen und die Angst verscheuchte, aber bald wurde ich wieder geweckt, denn wir wollten, wie natürlich, auch den zweiten Festtagsmorgen in der weinbachec Synagoge verleben. Ich saß, bekümmert und andachtslos, neben dem Herrli, das Zeremoniell des gestrigen Tages ging wiederum an mir vorüber und hatte nun heute allen tiefem Eindruck für mich verloren. Ich bat Herrli um die Erlaubniß, auf eine Stunde hinauszugehen, was mir gern gestattet wurde. Draußen athmete ich auf. Es war mir, als wenn hier nicht die Religion gelehrt würde, die mich Wald und Flur gelehrt hatte, als wenn hier nicht dem Judenthum gefolgt würde, welches mir Herrli in seinem Zimmer und auf seinen Spaziergängen gepriesen, hier war das Judenthum des langen Rebi! Ich entfernte mich aus dem Eichenkamp, und ging in's Dorf. Es war ein schöner Sonntagsmorgen. Auf dem Felde war Alles still, Pflug und Egge lagen unbenutzt, nur hier und da waren auf den Wiesen noch Haufen von Grummet, auf denen sich fröhliche Kinder herumtummelren, Züge von Schwalben zogen über meinem Haupte hinweg in's wärmere Land, ein Schwarm Drosseln fiel in einen Birkenbusch, an dessen Saume sich ein Flüßchen schlangelte, das nicht weit davon ein klappernde Mühte trieb. Im Dorfe war Alles rein und sauber, vor den Thüren standen die Landleute, auch festlich gekleidet, aber die jungen Burschen mit bunten Bändern auf den Hüten, die älteren Männer in der bescheidenen altwendischen Tracht. Da erschallten die Glocken und ruhigen, gemessenen Schrittes wanderten Alle und Jede * nach der Kirche, die am Ende des Dorfes stand, es war ein neues Gebäude von gothischer Bauart mit einem schlanken, hochaufstrebenden Thurme. Die Männer trugen ihr Gebetbuch unter dem Arm, die Weiber, welche sämmtlich schwarz gekleidet waren und über Hals und Brust ein feines, weißes Tuch trugen, hatten das Buch mit goldenem Schnitt unter einem weißen Taschentuche und hielten es an's Herz. Auch vom Schlosse kam ein langgewachsener, alter Herr an der Seite eines blühenden, jungen Mädchens herab und sie zogen unter traulichem Zwiegespräch nach dem Gotteshause. Endlich sah ich von dem benachbarten weißen Pfarrhause einen kräftigen Mann in schwarzem Talar kommen, es war der Geistliche des Ortes und feierlich schritr er den Anderen nach, die ehrfurchtsvoll stehen blieben, wenn er an ihnen vorüberkam und ihm nachsahen. Zaghaft und doch von der Neugierde getrieben, ging auch ich auf die Kirchthür los und stellte mich an deren Eingang, um hineinzuschauen, nicht gestört und nicht beachtet von den Eintretenden. Aber nicht so war es der Anblick des erhabenen Raumes, das magische Licht, welches die bunt gemalten Glasfenster hineinwarfen und welches in vielen Farben auf dem Boden schillerte, nicht so war es der stille Kreis, der sich jetzt in feierlicher Ruhe auf den Sitzen bildete, nicht die schwarz bekleidete Kanzel neben dem Hochaltar, die mich überraschten, als vielmehr der Ton der mächtigen Orgel, der schwingend die Lust durchbebte, der rauschend den Raum durchklang, bald brausend wie auf den Fittigen des Sturmes, bald klagend und zitternd wie Gesang der Waldvögel. Solches hatte ich noch nie gehört, denn außer der Schalmei des Hirten hatte noch nie Musik mein Ohr berührt. Zum ersten Male war ich dieser Himmelsrochter nahe, zum ersten Male führte sie auf ihren Schwingen mich hinüber in ein seliges, heiliges Land der Traume — mir war es, als verklärte sich Alles um mich herum, als wollte Alles niederfallen, um den Geist, der aus den Tönen der Orgel sprach, anzubeten. Und als nun der Choral angestimmt wurde, als der einstimmige Gesang der ganzen Gemeinde erschallte und sie sangen: Befiehl dem Herren früh und spät All deine Weg' und Sachen, Er wird nach seinem weisen Rath Stets für dein Bestes wachen; Wirf auf ihn hin, Was dir im Sinn Und was dein Herz betrübet: Er ist ein Hirt, Der treulich führt Die Seinen, die er liebet — da war es ja auch die erste Poesie in deutscher Sprache, das erste Lied in den Klängen der Muttersprache, die ich vernahm, eine neue Welt erschloß sich mir, ein neuer Himmel öffnete sich — ich glaubte zu träumen und fcug mich, ob ich es thäte, oder ob ich hier wirklich in einer christlichen Kirche stünde, die mir der Herrli zwar nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.