Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1851)
- Date
- 1851-10-27
- Page
- Seite 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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526 mel, wie entzückte mich dreifach die umgebende Natur, wie hüpfte ich von den Bergen und ein Strom allgewaltigen Lebens und unversiegbarer Freude ergoß die Schöpfung, ergoß der Psalm in meine Brust. Oder wenn der Herrti beim Sonnenaufgang vor unserer Hütte mich beten ließ: „Ewiger, unser Herr, wie mächtig ist dein Name auf der ganzen Erde!" oder wenn er selbst auf unseren Spaziergängen stehen blieb, denn die Sonne neigte sich zum Abend, und in stiller Andacht begann er: Herr, öffne meine Lippen, auf daß mein Mund dein Lob verkünde!" und Seufzer sich emporrangen aus des Greises Brust, während Alles um uns schwieg und nur aus der Ferne des Dorfes Glöcklein Kunde gab von dem Leben da draußen, außer uns, — wie nahe stand da den Betenden die Gottheit, wie strömte der Quell der ewigen Liebe in's junge Herz! Oder wenn am Abend in stiller Kammer der Greis freudig begann vom Regierer der Welt, der den Abend hinauführt in Weisheit, die Pforten eröffnet, durch die die Sonne hinabsinkt und die Sterne in ihrer Ordnung eintreten, daß das Licht vertreibet die Dunkelheit, und das Dunkel wechselt mit Licht, er aber ewig lebt, ewig besteht, ewig uns leitet und führet — sanft legte sich der Schlummer, von Engeln bewacht, auf meine Augenlider, denn im Erwachen sollte ich gestärkt werden durch neue Gnade der Gottesgewalt! Und hier, wo Menschen zusammentreten zu seiner Anbetung, hier strömten die heiligen Worte sang- und klanglos vorüber, hier ließen sie auf den meisten Gesichtern keine Spur der Erhebung zurück, hier schienen sie ihre Sorgen und Leidenschaften herein- und wieder hinauszutragen. Ein Schwall von unverständlichen Worten wechselte mit mir bekannten Dichtungen und Liedern, kalt und schleppend wurde der Abschnitt der heiligen Lehre verlesen, Stunde verrann nach Stunde und immer trüber und öder ward es im jugendlichen Gemüth, in dem die Sehnsucht nach dem goldnen Morgen erwachte, der durch die Fenster des Tempels klar und wonniglich hereinschauete. Und dennoch verfehlten die Schauer der Andacht, die auf Einzelnen lagen, ihre Wirkung auf die Kindesseele nicht, so sehr die Gedanken zerstreut und in die Ferne gezogen wurden. Ach! Einzelne schienen ihr Leid und ihren Kummer, die ihr Herz erfüllten, wol mit in den Tempel getragen zu haben, ein Strom von Thränen ergoß sich wahrend eines lauten Gebetes über ihre Wangen und befeuchtete das Buch, sie schienen Abhilfe und Trost von dem Wesen zu verlangen, das man hier anrief und auf Gräber und zertrümmerte Hoffnungen zurückzuschauen; ja, als das Schofar erschallte, da schien der Ton dieses einfachen Widderhorns mit seinen abgebrochenen Wehklängen die zerbrochenen Hktzen Vieler zu durchzucken und ihnen alle Kämpfe noch einmal in Erinnerung zu bringen, denn fordernd und bangend wandte sich der Blick nach dem Allerheiligsten und von da nach oben. Ich heftete meine Blicke auf den Herrli. Da stand der verehrte Greis, auch in sein Sterbegewand gehüllt, und er erschien mir wie ein Engel des Lichts. Der Traum stand wieder vor mir, in welchem der Gedanke seines Verlustes in mir erweckt wurde und ich ängstigte mich sehr. Unbeweglich, in Andacht versunken, mit klarer, freundlicher, aber doch ernster Miene schauete er vor sich hin, als erwarte er nur Gutes für die kommenden Zeiten, von denen ihm doch nur wenig zugemessen sein konnte und in denen der Tod immer mehr heranrücken mußte. Liebreich sah er zuweilen auf mich herab und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle des Gebetbuches, die er mir besonders anzuempfehten schien, „seine Lippen bewegten sich nur und wenig wurde seine Stimme gehört" und als der Vorsänger den Gesang des Märtyrers: „ErhabensterKönig, Gott, der in derHöhe thront" begann, hüllte sich Herrli tiefer in seinen Gebetmantel, verbarg sein Gesicht und rief begeistert: „er wird ewig regieren!" So habe ich denn zurückgerufen jene Stunden, in denen ich zuerst ein israelitisches Heiligthum betrat, wol Manches mag der jetzige Greis verwechseln mit dem, was der Erfolg spaterer Einflüsse ist, eine Zeit, wo Gemüths- und Verstandesleben im Knaben schon ausgebitdeter war — aber ewig unvergeßlich bleibt jener Neujahrsmorgen, bleiben jene ersten Stunden im Gotteshause mir, und nach Verlauf der Jahrzehende ist mir um so klarer geworden, was sie meiner Entwicklung wurden. — Wir wunderten nach beendigtem Gottesdienste nach Hause, der Herrli verbrachte den Nachmittag in traulichem Gespräch mit meinem Vater zu, Letzterer erzählte von meinen Geschwistern, daß er den ältern Bruder dem Unterrichte des Rebi entzogen und schon zum „Handeln" anhielte. Auch meine Zukunft war der Gegenstand ihres Gesprächs, aber ich mußte mich dann entfernen; so viel vernahm ich, daß ich nach den Festtagen wieder mit dem Vater heimkehren und zum Frühjahr wieder zurückgebracht werden sollte. So sehr ich mich nach der Heimath, nach der Muhme und meinen Geschwistern sehnte, so innig wie ich den Vater liebte, so erfüllte mich doch diese Andeutung mit Schrecken. Der Gedanke, mich vom Herrli zu trennen,