Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1851)
- Date
- 1851-10-27
- Page
- Seite 525 (sequence 9)
- Language
- German
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525 Zeit nickt wieder zu seiner vorigen Blüte gelangen konnte. Auch die Gemeinde meiner Glaubensgenossen war früher dort bedeutender, sie war mehrere Male vertrieben oder gänzlich mit Feuer und Schwert ausgerottet worden. Noch zeigte man auf dem Anger neben dem Dorfe einen großen Flecken, auf welchem kein Gras und kein Kraut wuchs und wo, wie die Sage meldete, im Mittelalter ein mächtiger Scheiterhaufen Hunderte von Juden mit Weib und Kind in hoch auftodernder Lohe verzehrt haben sollte, noch fand man hier und da an den Hausern und um die Brunnen alte Leichensteine mit hebräischen Schriftzügen, die vom Leben und Tode langst dahingeschiedenec Juden aus der alten Gemeinde Nachricht gaben und die man zu Baumaterialien verwandt hatte, noch knüpfte sich die Sage an manches alte Gebäude, in denen ein berühmter Rabbi oder Schriftgelehrter gewohnt haben sollte. Auch der Tempel war von sehr alter Zeit. Er stand mitten in einem Eichenkamp, den die Gemeinde, um ihn zu schonen, an sich gekauft hatte, weithin verbreiteten sie die starken Aeste, die von ihrem hohen Alter zeugten, und beschatteten sowol den Eingang als die hohen Bogenfenster) das Gemäuer war, von kunstrecht zusammengesügten Feldsteinen, die mit einem harten Mörtel verbunden waren, so daß nur die höchste Kraftanfirengung sie auseinander brechen konnte; von allen Seiten hatte sich Epheu und wilder Wein um die Mauern emporgerankt, das Dach war mit Moos bedeckt, und aus demselben war auf der höchsten Spitze eine Akazie emporgeschossen. Das war der Tempel, in den ich an der Seite des Herrli.und meines Vaters zum ersten Male eintrat. Aus dem Dunkel des Eichenkampes traten wir in die Pforten der hochgewölbten Synagoge und Hunderte von Kerzen und Lampen warfen ein Lichtmeer in das Dunkel der Umgebung und blendeten das Auge des erstaunten Knaben. Mir mußten mehrere Stufen hinabgehen, um in den hellen Raum zu gelangen, denn „aus der Tiefe" war mit dem Psalmisten der Herr anzurufen. Mir war als wenn ich in eine Zauberwelt versetzt wäre. Der an die Einsamkeit des Waldes und des großväterlichen Hauses gewöhnte Knabe sah hier eine Versammlung von Männern und Frauen, wie nie vorher. Dicht gedrängt an einander standen die Männer, alle in weißen Todtengewändern, auf einer durch ein Gitter begrenzten Gallerie die Frauen, festlich geschmückt und ebenfalls weiß gekleidet. Einen eignen und noch lebhaftern Eindruck machte aber das laute Getöse, das uns entgegen hallte und nur wechselsweise von dem stöhnenden und klagenden Gesang des Vorbeters unterbrochen wurde. Ich nahm Platz neben dem Herrti, der Geist suchte sich mühsam durch die Neuheit der Eindrücke hindurchzuringen, ich warf meine Blicke umher, die Menschen waren doch die ersten, die meine Aufmerksamkeit fesselten. Welch verschiedene Gesichter und Gestalten boten sich hier selbst dem Knabenblicke dar! Hier stand ein Mann, niedergebeugt vom Alter, das Gesicht durchfurcht, die blöden Augen fortwährend nach dem großen Buche, welches vor ihm lag, gewendet, eifrig lesend, betend, rufend, dort begegnete ich verschmitzten Gesichtern, in denen ich Alles, nur keine Andacht, las, auf Körpern, die sich mit den beweglichen Standern nachlässig vorwärts und rückwärts bewegten, dort eine lange, hagere Gestalt, die mit beiden Händen und gespitzten Fingern den vorder» Rand eines festen Betpultes faßte, und den Oberkörper über dasselbe gleichsam wie im Spiel und pendelartig schaukelte, weiter sah ich feiste, rothe Gesichter, die gar sonderbar gegen die Leichenkleidung abstachen und deren blitzende Augen kontrastirend unter dem mit Silberstreifen besetzten Sterbekapsel frisch in's Leben hineinsahcn, junge Leute kamen rasch und gleichsam tanzend mit vorgebeugter Brust die Stufen des Eingangs hinunter, nicht als treten sie in die Stätte der Verehrung des großen, erhabenen Gottes, sondern als kamen sie zum Scherz und zum Spiele, Andere eilten mit gleicher Leichtigkeit hinaus, nachdem sie im Fluge Gebetmantel und Sterbegewand abgeworfen, sich leicht aller Heiligkeit enthüllend. Dort war eine Gruppe im eifrigen Gespräch begriffen, hier schienen sich zwei sogar zu streiten und zu zanken! Ich horchte auf die Gebete. Es waren Psalmen, die man betete. Wie oft hatte mir Herrli diese heiligen Gedichte vorgelesen, wie oft mußte ich anstimmen in freier Natur, auf Bergeshöhen, in Waldesdickicht: „Preise, meine Seele, den Herrn, Ewiger, mein Gott, wie groß bist du!" und wenn dann in dem herrlichen, unvergleichlichen Stücke gesprochen wurde von dem ausgespannten Zeltenteppich, dem Himmel, von den Winden, den brausenden Boten Gottes, den Feuerflammen, seinen Dienern, den Bergen, die hinanstürmten, den Thälern, die hinunterziehen, von den Vöglein, die in den Zweigen sitzen und den Zypressen, die das Haus des Storches bilden, von den Blumen, die aus der Erde sprießen und der Rebe, die das Herz des Menschen erfreuet, von dem Meere, das seine Wogen wälzet und Schiffe trägt von Land zu Land, und wenn ich dann endete: „So lang ich lebe, will ich dir singen, Ewiger!" — wie schauete ich da auf zumHim- 44*