Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1851)
- Date
- 1851-10-27
- Page
- Seite 521 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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821 schäft des Berichterstattens, da wir leider nichts Erfreuliches zu bringen haben, und lieber gänzlich geschwiegen und die schmählichen Machinationen unserer sogenannten orthodoxen Partei, d. h. der Partei, die unter Orthodoxie Schreien und Unanständigkeit im Gotteshause versteht, mit Stillschweigen übergangen hätten, wenn wir nicht auch durch diese Veröffentlichung der guten Sache einen Dienst zu leisten gedächten, indem wir die Mittel, welche die genannte Unordnungspartei zur Erreichung ihrer Zwecke in Bewegung setzt, dem öffentlichen Urtheile anheimgeben. Unsere Angelegenheiten sind nun in juridischer und administrativer Hinsicht endlich so weit gediehen, daß die Unordnungspartei gänzlich aus dem Felde geschlagen und alle Maßnahmen der gegenwärtigen Verwaltung durch die königl. Regierung in Bromberg vollständig legalisirt sind. Alle Versuche der Gegner sind an der Festigkeit der Verwaltung gescheitert. Nur die reinen Kultusfragen liegen bekanntlich dem Ministerium der geistlichen Angelegenheiten zur Entscheidung vor. Nun besitzen wir ein wichtiges Dokument, welches zur Zeit des Ministeriums Ladenberg-Simons an den hiesigen Vorstand gelangte und demselben ein sehr ausgedehntes Recht in Hinsicht der Synagogcnanordnungen zuspricht*), woraus denn natürlich bei weiteren Beschwerden der Unordnungspartei die bewußte Frage an das berliner Rabbinat hervorging, ob auch der Vorstand den Ritus nicht verletzt hätte. Nun muß jedenfalls für die Unordnungspartei ein schlechter Wind von Berlin aus wehen, der ihre Illusionen zu zerstören droht; denn sie haben jetzt zu ihrem letzten, verzweifelten Mittel gegriffen — das der brutalen, rohen Gewalt. An den ersten Tagen des gegenwärtigen Laubhüttcnfestes strömte nämlich die Unordnungspartci in den Tempel, um durch lautes Schreien und Dawenen (wir können es nicht beten nennen!) die Ruhe des Gotteshauses zu stören und den Gesang des Chors unhörbar und verwirrt zu machen! Mit Gewalt wollten sie den Zank heraufbeschwören, mit allen Mitteln provozirten sie den Vorstand zu thätlichen Angriffen. Allein was that dieser? Er setzte ihrem schändlichen Vorhaben Ruhe und Gelassenheit entgegen. Zwar hatte er sich genöthigt gefühlt, Polizei in die Synagoge zu requiriren, um grobe Exzesse zu vermeiden; allein im Uebrigen ließ man's gewähren, und wir können sagen, ihre Versuche sind schadlos gemacht worden. Die Gemeinde hatte sich mit großer Einmüthigkeit zusammengethan, um durch die Sache selbst die Pfeile der Gegner abzustumpfen. Wo eine Stelle des Gebetes kam, die die Gemeinde zu sagen hat, fiel der Chor im Verein mit dcrGemeinde so kräftig und entschieden en, daßAlles vergeblich war, ihn zu stören; die Störenden wurden gleichsam erdrückt von einer Uebermacht, der sie nicht gewachsen waren. Bei solchen Stellen aber, die früher die Gemeinde laut sagte, jetzt aber nur leise beten darf, da sie dem Kantor zum lauten Vortragen übergeben sind, wartete man ruhig ihr Schreien ab und wenn dieses geendet hatte (was freilich nicht lange dauerte, da es mit zur Religion der Orthodoxen zu gehören scheint, recht schnell Alles hinunterzuschlucken), begann der Kantor seinen Vortrag mit fester Stimme von Anfang bis zu Ende. Das brachte sie völlig in Verwirrung und Angst. Ihr letztes, verzweifeltes Mittel, das sie sich aufbewahrten bis heute, ist verweht wie ein Wind; denn es steht einmal fest — ihren Provokationen Ruhe und Ernst cntgegenzusetzen. Mit würdiger Haltung traten die Besseren solchem ruchlosen Ansinnen entgegen und die Orthodoxen selbst fühlen es, wie sie auch ihre letzte Karte umsonst ausgespielt haben. Die wenigen Besseren unter ihnen fangen an, von diesem Ernste und von dieser Ruhe überwältigt zu werden, und der übrige, größere Theil wird schon auf gesetzlichem Wege zur Ordnung gebracht werden, ohne daß eine Störung des Gottesdienstes eintreten wird. Wir halten die gute Sache jetzt für viel fester begründet als früher, da der Widerstand seine Blößen und Schwächen zu sehr offenbaret hat. Die Oeffentlichkeit aber möge urtheilen über eine Partei, die solche Mittel ergreift, zu ihren Zwecken zu gelangen; die den Gottesdienst selbst, der erheben und veredeln soll, in den Schmutz des persönlichen Hasses und der Leidenschaft zieht. Sie möge ihr Urtheil feststellen über die Männer, die eine unwissende Masse fanatisiren und in derselben jeden Funken von Gottesfurcht, von Scheu vor den Heiligthümern mit Gewalt ersticken. Wir nennen Keinen namentlich, cs werden diese bedeutungslosen Namen auch in weiteren Kreisen unbekannt sein; aber wir wollen sie hierdurch aufgefordert haben, im Namen des Judenthums, zu dessen Rettern sie sich unter der Hülle der Heiligkeit auf- *) Wr werden es mit Nächstem mittheilen. Korresp.