Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1851)
- Date
- 1851-10-27
- Page
- Seite 518 (sequence 2)
- Language
- German
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518 hängt eben sein Schicksal nicht allein von seiner Tüchtigkeit und Thatigkeit, sondern auch von der Vorurtheilslosigkeit des Andern ab — und wie Viele sind schon vorurtheilslos, wenn es auf die — Praxis, auf die Wirklichkeit, auf die Lhat ankommt. Ueber jüdische Erziehung. Von Uri. (Fortsetzung und Schluß aus No. 26. 27. 28. 29. 30. 31. 33. 34. 35. 36. 37. 38.) Das jüdische Gemeindewesen! Was war es? Es war die aus dem religiösen Bedürfnisse der Gesammtheit hervorgegangene Verbindung, die auch zum großen Theile nicht ohne politischen Charakter war, da die Gemeinde nicht blos religiöse Bedürfnisse zu befriedigen hatte, sondern auch dem Staate gegenüber und im Staate eine Korporation mit (zum Theil bedauernswerthen) Rechten und gewissen Pflichten bildete, die aus der Ausnahmestellung der jüdischen Glaubensgenossen resultirten und sich in ihr gegründet hatten. Die religiösen Bedürfnisse der Gemeinde waren allgemein und unbestritten. Man mußte eine Synagoge haben, in der ein bestimmter, feststehender, von Keinem angefochtener, Alle befriedigender Ritus herrschte, man mußte einen Begrabnißplatz haben, wo Alle begraben wurden, man mußte die zur Erfüllung der Zeremonialgesetze nöthigen Institute besitzen: Bad, Schachterthum u. s. w. und beaufsichtigende und vollführende Beamten, Rabbiner (natürlich nur in großen Gemeinden), Vorsänger u. dgl. Diese Personen waren im Grunde keine selbstständig handelnde Personen, sondern theils die Interpreten, theils auch nur die Maschinen des in allen seinen Formen genau umgrenzten Zeremoniale. Streitigkeiten gab es zwar auch immer in jüdischen Gemeinden, aber sie betrafen meistens höchst unwesentliche Dinge (denen freilich jede Opposition immer ein großes Gewicht beilegte), gingen von Einzelnen aus, die ihre Lust am Streiten hatten und zu jeder Zeit sich vorfinden werden, drehten sich auch oft nur um einzelne Personen, wie des Vorstehers, des Rabbinen u. dgl. und entsprangen nicht selten der zügellosen und ungeordneten Gemeindeverfassung, die entweder den von der Regierung unterstützten Vorstehern ein zu großes Recht und absoluter Herrschaft einräumte, oder Jedem die möglichste Freiheit zum Reden und Aufstöbern gestattete. Aber, wie gesagt, in Anerkennung der religiösen Bedürfnisse, wie sie oben aufgeführt worden, war man einig. — Was ist die jüdische Gemeinde jetzt? Die politische Nothwendigkeit derselben hat in den meisten Landern des zivilisirten Europas (in Amerika war sie natürlich nie vorhanden) aufgehört, da wo Gaben, Leistungen, Vertretungen der Gemeinde als solcher noch exkstiren, ist es. überhaupt auch in religiöser Beziehung beim Alten geblieben. Somit sollte man denken stünde es recht gut um die Gemeinden, da sie nun lediglich für ihre religiösen Bedürfnisse zu sorgen hätten. Aber diese sind nicht mehr dieselben in den meisten, sowol größeren als kleineren Gemeinden. Ein großer Theil bedarf der obigen Institute gar nicht mehr. Dies ist Thatsache, bei deren Anerkennung wir hier natürlich ganz von dem religiösen Recht oder Unrecht, von der Religiosität und Irreligiosität, welche sich darin ausspricht, abstrahiren. Hier hat sich nun folgendes Verhaltniß ersahrungsmaßig herausgestellt. Die am Alten Hangenden wollen gewöhnlich obgleich die Zeit ihnen unversehens auch Manches entrissen hat — gar Nichts aufgeben und den neueren Bedürfnissen gar Nichts oder gar Wenig gestatten. Daß hier nicht immer innere Ueberzeugung das wahre Motiv ist, sondern oft Oppositionsgeist, Persönlichkeit u. dgl. mitspricht, ist bekannt, so viel ist gewiß, das Alte ist intolerant, und wir können ihm dies nicht einmal zum Vorwurf machen, denn es ist es dies seiner Natur nach, es ist ihm historisch anerzogen worden. Natürlich ist es, daß dieser Zähigkeit die mit den Ansprüchen der modernen Aesthetik — denn gerade der Mangel alles Aesthetischen charakterisirt die alten starren Formen sammt und sonders — herantretenden Neueren gewöhnlich weichen, da sie dieser Zähigkeit keine Begeisterung entgegen setzen, sondern vielmehr nur mit Indolenz und Jndifferentismus agiren. Das Gute hierbei ist, daß sie meistens Bildung genug haben, sich dem Gemeinwesen nicht ganz zu entziehen und Toleranz genug, das Alte mit ihren Geldkräften weiter zu unterstützen, und Institute mit bezahlen, von denen sie keinen Gebrauch machen, weil sie ihnen nicht mehr Zusagen, ja sie sind oft in der überwiegenden Mehrzahl und zahlen doch für die Minorität. Hierdurch sind wenigstens bis jetzt ärgerliche Spaltungen in den jüdischen Gemeinden vermieden worden und nur an wenigen Orten hat sich die neuere Gemeinde ganz abgesondert und neu formirt und hat — was sehr rühmenswerth ist — doch nicht ihren Verband mit der Gesammtgemeinde aufgegeben. Wir sprechen hier zunächst vom gottesdienstlichen Kultus. Man hat es vielfach ver-