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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-10-20 · Heft 43 (20.10.1851) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 43 (20.10.1851)
Date
1851-10-20
Page
Seite 514 (sequence 10)
Language
German
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514 das Recht, Juden in Freudenthal aufzunehmen und wegzujagen. Dieses Recht erbte sich in dieser Familie auf mehrere Geschlechter fort, und die Herren Parnasim machten von diesem Rechte oft umfassenden, absoluten Gebrauch, bis die jüdische Gemeinde, des passiven Widerstands müde, durch energische Repressalien von dieser aufgedrungenen Herrschaft sich emanzipirte. Ich werde, so Gott will, diese historische Begebenheiten, immerhin für die Israeliten Württembergs interessant, in einer Monographie darzustellen versuchen. — Frommer Sitte gemäß besuchte ich die Gräber meiner Lieben auf dem stillen Friedhofe, der idyllisch an einem Waldsaume gelegen, hinausschaut in das stille Thal; der Horizont ist von der schwäbischen Alp begrenzt. Der alte Kaiserberg, das Monument des schwäbischen Kaiserhauses, der Hohenstaufen, lugt herüber zu den Gräbern, der Entschlafenen Israels. Es drängten sich mir Reflexionen vom erloschenen Kaiserstamm und von der Fortdauer des gehetzten Häufleins Israel auf, die ich nicht weiter spinnen will, sondern dem Gedankenspiel des geneigten Lesers überlasse. — Die Grabsteine der Familie Benedikt sind schöne, einfache Monumente, die der fromme Sinn der Ueberlebenden den theueren Hingeschiedenen gesetzt hat. Schönere Monumente aber sind die reichen, wohlthätigen Stiftungen, die diese Familie in ihrem edeln Streben nach rettender Menschenliebe den lebenden und kommenden Geschlechtern aufbewahrt hat. Der Schwiegersohn des edeln Seniors dieser Familie, des Macen Moses Benedikt in Stuttgart, ist der Stifter und Vorsteher unsers Waisenvereins und Waisenhauses Wilhelmspflege Di-. Dreifuß. Es bedarf nicht der granitenen Mausoleen, um die Namen solcher Menschenfreunde den Nachkommen zu überliefern. Des andern Morgens verließ ich Freudenthal, setzte mich in Besigheim unter den alten Römerthürmen, aus deren Schießlucken die Geister der alten Weltbezwinger staunend dem hinbrausenden Dampfrosse nachblicken, eingestehend, daß die Wissenschaft eine größere Macht sei, als die brutale Gewalt des Schwertes, in einen Waggon des Eisenbahnzuges und sah wieder lauter orientalisch geschnittene Profile, die zur Tuchmesse nach Stuttgart zogen. Hatte ich aber beim Beginn meiner Reise meine der westlichen Hemisphäre zuziehenden jüdischen Weggefährten ihres ärmlichen Aufzugs wegen zu bemitleiden, so sah ich jetzt an meinen Stammesgenosten wot auch einen Druck, aber nur den, den ihre strotzenden Geldkatzen auf ihre Lenden übte. Es wurde mancher Witz gerissen, manches bonmot durchlief den Wagen und reizte. ein elektrischer Telegraph, unsere Lachnerven. Es überraschte uns des Zugführers Ruf: „Stuttgart!" und wir zerstoben vom Bahnhofe aus nach den vier Ecken der Stadt, um Wohnung zu suchen, die durch die Frequenz der Tuchmesse schwer zu finden war. Ich nistete mich bei einem Freunde ein und benutzte noch die Vomittagsstunde, um einige obligate Aufwartungen zu machen, damit ich den Rest meiner Zeit ungestörter meinen Freunden und mir widmen konnte. Das Erste was mich in Stuttgart wie ein elektrischer Schlag traf, war die Hiobsbotschaft vom Tode eines lieben Freundes. Leopold Amson, Kandidat der mosaischen Theologie, Sohn frommer Israeliten in Oreglingen im Tauberthal, war ein ausgezeichneter junger Mann in jeder Beziehung. Ein treues Kind seinen Eltern, ein edler Freund denen, die ihm naher standen, fleißig in seinen Studien, ein tüchtiger Philolog, nicht extrem in seiner philosophischen Anschauungsweise, solid durch und durch, erstand er das erste Staatsexamen mit Glück und wurde zum Rabbinatsverweser ernannt. Bei dem Studiengange der württembergischen Kandidaten mosaischer Theologie wird wissenschaftliche Bildung gefordert und so müssen dieselben von frühester Jugend an die wissenschaftlichen Anstalten durchlaufen. Zum Studium der rabbinischen Wissenschaften bleibt wenig Zeit übrig und als die Reformbestrebungen noch besonders von oben aus en vogue waren, legte man bei den Prüfungen auf rabbinisches Wissen geringen Werth; es war also ganz natürlich, wenn die Kandidaten mit einem gewissen Leichtsinn diese Wissenschaft behandelten. Aber Amson wurde das Opfer dieser Anschauungsweise. Bei der zweiten Dienstpcüfung wurde ihm ein anderer Kandidat vorgezogen, und er wurde entlassen und brodlos. Ein Mann von solch geringen Ansprüchen an das Leben aber besaß Resignation genug, um die Tücke des Geschicks zu ertragen. Er wurde Privatlehrer, war geliebt und geachtet überall, wo er sich bewegte. Müde des immerwahrenden Privatdienstes, ging er endlich nach Paris, wo ein liebender Bruder seiner harrte und dort fristete er sein genügsames Dasein durch literarische Arbeiten für periodische Schriften. Da rief ihn im Frühjahr 1851 die Kunde in die Heimath, daß ein Rabbinat vakant sei und er eilte in das Vaterland, um dem Pastoralberufe sich zu widmen. Anders aber gestaltete es sich hier. Der greise Rabbine, der außer amtlicher Thätigkeit gesetzt werden sollte, wurde aus Sparsamkeitsrücksichten nicht pensionirt und

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