Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1851)
- Date
- 1851-10-20
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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508 es desto lärmender und geschäftiger, um es zu vollenden. Wenn Du Etwas gethan hast, und äußere oder innere Stimmen sagen Dir, Du thatest Unrecht daran, wie bist du so eifrig, so erfinderisch, eine Rechtfertigung, eine Entschuldigung hervorzusuchen, um Anderen und Dir selbst die schwarzen, häßlichen Flecken zu verdecken. Und wer beschäftigt sich denn mit sich selbst? wer schaut in sich hinein, und fragt sich, was ist Dein Wissen, und woran fehlts? was sind Deine Begriffe, und worin sind sie dunkel? was ist Dein Glaube, und worin ist er schwach? was find Deine guten und Deine üblen, Deine starken und Deine schwachen Seiten? wie weit bist Du gelangt? überhaupt: wer bist Du? O nein, für klug und weise hält sich Jeder, für gut und tugendhaft halt sich Jeder, oder sucht es sich und Anderen einzureden. So ist der Mensch vor sich selbst ein beständiges Chaos, eine dunkle, ungeordnete, rohe Masse, darin es gahrt und gahrt, und Nichts gestaltet sich fest, darin Licht und Finsterniß ringen, ohne sich je zu scheiden — o und Du brauchtest doch nur in dieses Chaos n7:N Wahrheit! hineinzurusen, Du brauchtest nur vor Dir selbst wahr, nichts als wahr sein zu wollen, und Du könntest es sein! Ja, ringe und ringe nach Wahrheit über Dich selbst, und sollte sie auch scharf und schmerzlich in Dich einschneiden; denn wisse, all Dein Verdienst, all Dein Werth, er beruht nur darauf, wie weit Du klar und wahr bist in Dir selbst. 2) Und dann um so mehr, m. Fr., müssen wir wahr und wahrhaftig sein mit unseren Mitmenschen, wahr und wahrhaftig in allem Thun des Lebens, denn r\i2$ üeviz „das Gericht der Wahrheit ewig vollbringt Er." O, es ist ein alter Jrrthum unter den Menschen, um zu einem guten Ziele zu kommen, mußt Du klug sein, klug wie die Schlange, mußt Du die Wege der List, der Heimlichkeit und der Täuschung gehen. Wehe, dieser Jrrthum hat mehr Unheil und Verderben hervorgebracht, denn irgend ein anderer. Nein! die größte Klugheit ist die Wahrheit, die größte Klugheit ist die Ehrlichkeit, Offenheit, Geradheit. Denn so Du das Vertrauen der Menschen erworben, so sie Dich als wahr und offen und gerade kennen, tausendmal fester stehst Du und sichrer, und selbst im Wanken findest Du hundert Stützen, dir Dich halten. Und ferner: was Du durch Trug gewinnst, selten behältst Du es, was Du durch Täuschung erlangst, selten wird es Dir nicht wieder genommen. In die eigne Grube fällt, wer eine Solche gegraben. Und endlich: was ist es, was Du durch Lug gewinnen kannst. wenn er glückt? Aeußere Güter, äußern Schein, die Dich niemals ganz beglücken, die dennoch zusammcnsinken, mindestens in der Stunde des Scheidens. So mache Dir die Wahrheit zum Gesetze Deines Wandels gegen alle Deine Mitmenschen, wolle nicht mehr, wolle nicht besser scheinen vor ihnen, als Du bist; mache die Wahrheit zum Gesetze in Deiner Familie, gen Deinen Gatten, Deine Gattin, gen Deine Eltern, gen Deine Kinder. Denn an Nichts scheitert eine glückliche Ehe öfter, als wenn es nicht klar und wahr zwischen den Gatten ist, wenn da Trug und Heimlichkeiten gesponnen werden. Denn durch Nichts verderben die Kinder schneller, als wenn sie Lug und Täuschung an ihren Eltern gewahren, während sie selbst noch Unschuld und Wahrheit im kindlichen Herzen haben. Wenn Du gegen Deines Bruder wahr bist, verzeiht er Dir nicht, selbst wenn Du gefehlt hast? — O, ein Chaos ist das ganze gesellschaftliche Leben der Menschen geworden — aber wenn rVDN Wahrheit hineingerufen würde: wie leicht würd' es sich lösen und gestalten! Wisset Ihr nicht, wodurch-si'nd so viele Völker untergegangen, so viele Throne gestürzt, wenn nicht durch die sittliche Verderbniß, in die sie geriethen? Denn Sittel rroa llLwn „denn das Gericht der Wahrheit vollbringt Er! 3) Und endlich, msa tnjrjV« 'tt, der Ewige, Gott, ist die Wahrheit, wie sollten wir nicht drittens w a h r sein müssen vor Gott? Wie? wir Geschöpfe aus Staub sollten wähnen, vor Seinem attsehenden Auge die Wahrheit verbergen zu wollen, vor Seinem allhörenden Ohre anders erscheinen zu wollen, als wir sind? Es ist dies zu widersinnig — und dennoch auf welchem Gebiete wird mehr geheuchelt, als auf dem religiösen? und wenn nicht immer gerade Heuchelei es ist, auf welchem Gebiete wird noch immer am Wenigsten gestrebt, wahr und Nichts als wahr zu sein? Aber lasset mich die Wahrheit sprechen vor Gott, denn dazu habt Ihr mich hierhergestellt, und leihet Euer Ohr meinem Worte, nicht daß ich Euch schmeichle, sondern „die Wahrheit rede vom Herzen" (Ps. 15, 3.) 122^2 nEa "irn. Gerade weil Israel so alt ist, und so viele Zeiten überdauert hat, und weil Israel auf dem Felsengrunde der Geschichte ruht, und darum aus all diesen Zeiten Etwas mit hinübergenommen in die Gegenwart — darum wird in seinem Kultus, in seiner Gottesverehrung so Vieles fest erhalten, was doch nur als Unwahres vor Gott bezeichnet werden kann. Oder sagt an, wenn Ihr viele Stunden lang betet, was die Mehrzahl nicht mehr versteht,