Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1851)
- Date
- 1851-10-20
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
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506 richtliche Ehescheidung ausgesprochen, so kann doch, war das Paar getraut, der jüdische Theit nicht eher sich wieder verheirathen, als bis der üä geschehen wäre. Aus diesen Gründen halte ich bei der Mischehe die Trauung der Synagoge nicht für angemessen, und kann sie aus meinem Gewissen heraus nicht vollziehen, rc. rc. rc. Magdeburg, 12. Oktober. Die Wahrheit. Lasset mich Euch ein Gemälde aus alter Zeit vorführen. Es war an dem Tage, als Mosche hundert und zwanzig Jahre alt worden (5 M. 31, 2.); es war an dem Tage, da der Herr zu Mosche gesprochen (5 M. 3, 27.): Besteige den Gipfel des Pisga, und beschaue das Land gen Abend und Mitternacht, gen Mittag und Morgen, und dann lege dich nieder zum Sterben, denn über diesen Jarden in das Land der Verheißung sollst du nicht kommen. Da sprach der Ewige auch zu Mosche (5 M. 31, 14.): „Siche, es nahten deine Tage zum Sterben", „du wirst liegen bei deinen Vätern, und dieses Volk wird sich aufmachen und nachbuhlen den Göttern des Fremden des Landes, in dessen Mitte es kommt, und wird mich verlaffen, und meinen Bund brechen, den ich mit ihm geschlossen. Da werde ich sie verlaffen, und mein Antlitz vor ihnen verbergen, daß viele Leiden und Drangsale es treffen." Da erfaßte tiefe Traurigkeit die Seele Mosche's. Wie? Vierzig Jahre hatte er die Last dieses Volkes getragen, hatte zehnmal ihr Murren über sich ergehen lassen, ihre Beschimpfung geduldet, hatte mit ihnen die Schrecken der Wüste bestanden, hatte gelehrt und gelehrt mit Unermüdlichkeit — und nun, nicht allein, daß er sterben muffe an der Grenze des verheißenen Landes, am Ufer des vielersehnten Stromes, dicht vor der Erfüllung, der er vierzig Jahre zugestrebt; er sollte auch dahingehen mit der Gewißheit, dieses Volk wird den Weg schmählich verlaffen, den du es gelehrt, und mit der Ungewißheit, wird dein Werk bestehen und Wurzel fassen in der Menschheit, und viele Völker unter seine Schatten sammeln? Oder wird es nur als hohes, erhabnes, aber nie erfülltes Wort erhalten werden? Oder wird cs gar untergehen wie eitel Menschenwerk?... Und der Abend kam; und je mehr die Schatten der Nacht niedersanken über die Ebnen von Moab, desto trauriger, schwankender, zweifelvoller wurde seine Seele; und die Mitternacht kam; und sie fand ihn immernoch wach, denn immer klangen ihm dw schrecklichen Worte wieder: 'wn na lONi „es wird meinen Bund brechen, vN/y. irnnDin Dtqw „ich werde sie verlaffen und mein Antlitz vor ihnen verhüllen". — Da warf sich Mosche nieder, 'n Va ’pnrrn und „flehete zum Ewigen in selbiger Zeit" (5 M. 4, 23 ff.) und sprach: „Herr, Ewiger! Du hast begonnen deinem Knechte zu zeigen deine Größe und deine Allgewalt; laß mich doch hinüber ziehen jenseits des Jardens!" laß mich da das Werk meines Lebens vollenden, und dieses Volk einsetzen in dieses Land in Gottesfurcht und fester Treu' an dir!... Und wie er so flehete, und seine Seele im Gebete immer heißer rang, siehe! da senkte sich ein tiefer Schlummer über seinen Geist; und im Schlummer weckte ihn der Finger des Engels, der ihn immer geleitet hatte durch seine Traumgesichte und Erscheinungen; und Mosche schaute. Ein ungeheures Bild voll Schrecken und Finsternisse lag vor ihm ausgebreitet. Es war wie vor der Schöpfung. Der unendliche Stoff des Weltalls war schon vorhanden und wogte und brausete, aber irm inn „wüste und wirre". Licht und Finsterniß, Trocknes und Flüssiges, unendliche Gluth und erstarrende Kalte, Leben und Tod, Sein und Nichtsein rangen mit einander, es war Alles, und es war Nichts, es wollte Alles werden, und konnte nicht, das Wesen war da, abersuchte nach seiner Gestalt, die Gestalt war da und suchte nach ihrem Wesen — ein unermeßlicher Schlund, darin es gahrte und gahrte. Da erscholl plötzlich mitten in das steigende, stürzende, donnernde Chaos eine Stimme hinein, klar, sanft und doch Alles übertönend, Ein Wort rief sie aus: n?:N Wahrheit!-und das Chaos stand still, und die gahrende Masse schied sich, und der Schein schwand, und Alles ward wahr und wirklich und wesenhaft, Licht ward Licht, Nacht Nacht, Festes fest, Flüssiges flüssig, und die Schöpfung erstand ^2212 inn „beim Jubel der Morgensterne, beim Jauchzen der Gottessöhne" (Jjob 38, 7.), die da sangen und sangen: den ff-Ql U381 „Dein erstes Wort war nwa Wahrheit!" (Ps. 119, 160.) Und das Gesicht war vorüber. Und der Finger des Engels weckte Mosche zum andern Male; und Mosche schaute. Jahrhunderte flohen vor seinem Geiste vorüber wie Stunden, Jahrtausende wie Ein Tag; eine Zeit folgte