Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 42 (13.10.1851)
- Date
- 1851-10-13
- Page
- Seite 503 (sequence 11)
- Language
- German
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503 fett auf mein Thun und Treiben, die über das Mittel das Ziel, über das todte Wort den lebendigen Inhalt, über die Form das Wesen vergißt und übersteht. Auch ich mußte im Hause Gott dienen und zu ihm beten, aber er traf nur eine Auswahl aus den üblichen Formeln und überall erwärmte diese seine nie zu störende Sanftmuth, sein immer heiterer, wenn auch stiller und ernster Sinn, seine stets wachende, Wort und That durchdringende Liebe. Er wurde mir der Priester der göttlichen Lehre, und wenn draußen in der allgewaltigen Natur sich an diese der Knabe mir aller Frische der Empfindung, mit aller Paradiesesgluth der Jugend legte, wenn sie ihm die große Werkstatt Gottes wurde, so wurde das stille Haus des Herrli sein Altar, vor dem der kniende Greis anbetete und wahre Anbetung lehrte. Aber etwas Anderes erwartete mich jetzt, als der Dienst in Natur und im Hause, ich sollte zum ersten Mate den Gottesdienst der Gemeinde sehen und kennen lernen. Schon im elterlichen Hause hatte ich erfahren, daß der Vater alljährlich nach Weinbach zum Herrli an den großen Festtagen eilte, um dort „Gott anzubeten inmitten der Versammlung und Gemeinde", denn in unserm Dörsiein waren nur wenige jüdische Familien, die keine Gemeinde bilden konnten. Da wurde schon dem Knaben das Haus des Herrli ein Zion, und Weinbach das Jerusalem, wohin die Wallfahrten zum AUerheiligsten führten. Der Vater war schon mehrere Tage vorher von seinen Wanderungen zurückgekehrt, aus seinem Gesichte lag eine stille Freude, gab sich der Vorschmack der zu genießenden Seligkeit zu erkennen; er ging geschäftig im Hause umher und ordnete für uns daheim Bleibenden Alles zur Festesfreude an, er schickte sich mit mancherlei Vorbereitung zur Reise an, er holte die alten Gebetbücher aus dem Schreine und entstaubte sie, schlug sie hin und wieder auf und sah mit glückseliger Miene hinein, es ging an ein Abstauben, Bürsten, Reinigen, wobei wir Kinder hilfreiche Hand leisten mußten und das uns nicht allein mit den befriedigenden Gefühle des Schaffens und Ordnens erfüllte, sondern auch der Phantasie Spielraum ließ, weil es eben zum größten Theil für etwas Entferntes, Unbekanntes, für uns noch Verschlossenes geschah. Ich hatte den Sommer auf gedachte Weise im Hause des Herrli zugebracht, ich war sehr glücklich gewesen, ich hatte mehr gelernt als mehrere Jahre vorher in der Marterkammer des langen Rebi, nun war der Herbst gekommen. Immer noch blickte die Sonne durch das Epheugeranke in's stille Zimmer und das Licht sammelte sich auf dem reinlichen, mit weißem Sand bestreuten Fußboden ganz magisch, aber die Strahlen waren sehr mild geworden, wie mein Inneres, immer noch hatte ich meine Lust im Walde und an den Eichen und Buchen, an den Tannen und Eschen, aber ihr Laub wurde schon falbe und siel ab, so daß mein Fuß durch dasselbe rauschte; wol gab es noch Vögel, aber es waren nur wenige, einige zurückgelassene wie der klappernde Holzspecht und Reiher, oder ziehende, wie der Weinvögel zahlreiches Geschlecht; auch Blümlein konnte ich im Walde noch pflücken und waren auch Anemonen und Waldmeister verblüht, die liebliche Erike spendete noch ihren Honig den Bienen, die endlich ihre Ernte dem fleißigen Immer (Bienenzüchter) darreichten. Und im Garten! Fort warst du, süße Nachtigall, geknickt läget ihr Tulipanen, entblättert, ihr Rosen, aber da stand der Baum, gestützt wegen der die Aeste brechenden goldenen Früchte, da zog sich die aromatische Pfirsich blutroth am Giebel, da kochte die Mittagssonne noch die blauen Perlen des Weines. In diese Herbsttage hat der Jude sein Neujahr gelegt. Der Herrli kündigte mir an, daß der Vater zum Feste kommen würde und daß ich dann selbst mit ihnen den Tempel betreten sollte. Lauter Jubel zog ein in das Herz des Knaben, und als der Morgen kam, an dem der Vater erwartet wurde— es war der sonnigste Herbsttag — da schmückte ich meinen Hut mit grünem Laubkcanze und mit eiligem Schritte ging es den Berg hinab, wo ich ihm begegnen mußte. Ich ging durch's Thal, sprang über Bäche, eilte über die Fußsteige, kam durch's erste Dorf, aber noch nirgends sah ich den Erwarteten. Ermüdet legte ich mich an einen Baumstamm, schauete in den blauen Himmel, mein Auge füllte sich mit Thronen, zum ersten Male trat mir die Sorge mit ihrem hohläugigen Gesichte entgegen, die Sorge um einen geliebten Gegenstand, aber unter ihren quälenden Eindrücken schlief ich ein. Ich träumte. Mir war, als würde ich weit über Länder, über Berge und Flüsse von Windeshauch getragen, bald in die Höhe über die Erde gehoben, die wie ein grüner Kinderball sich unter mir bewegte, bald tief übec Sröme gehoben, die rauschend dahinrollten, bald ruhete ich an einem Punkte, es war die Waldeshöhe neben dem Dorfe, wo der Herrli wohnte, siehe! da lag meine glückliche Hütte, aber auf einmal schlug die Lohe aus dem Giebel und verzehrte das Strohdach und das Kastanienlaub knisterte und verlor sich wie Johanniswürmchen, glühend und sprühend, in des Himmels Räumen, die Hütte war verbrannt, die Kastanie eingeäschert, der Garten mit Staub