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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-10-13 · Heft 42 (13.10.1851) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 42 (13.10.1851)
Date
1851-10-13
Page
Seite 502 (sequence 10)
Language
German
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Sonne die Bergspitzen, so begab ich mich schon in den Wald und durchstreifte ihn von allen Seiten, in unbeschreiblicher Lust ging es bergauf bergab, ich erkletterte die höchsten Baume und sah vergnügt in die herrliche Gegend, deren einzelne Schönheiten ich nicht verstand, die aber einen erhebenden Gesammteindruck auf das Gemüth machte, ich verfolgte Stundenlang den Lauf eines Baches, ich sammelte die schönsten Waldesblumen und wand große Kranze, die ich über Herrli's Bett, über die Thüren des Hauses und Hofes schlang, ich lernte jeden Vogel kennen und ahmte dem Schlage seiner Kehle nach, ich wurde vertraut mit den Holzhauern, Jagern und Köhlern, die sich des wilden und muthigen Judenknaben freueten. In ihre Hütten kehrte ich oft ein und brachte ihren Kindern von dem Honigkuchen und Sabbatbrode, erhielt dagegen Milch und schwarzes Brod und Buchnüfse und Vögel, die ich zu Hause atzte. Nie empfing mich ein Scheltwort des Herrli, wenn ich auch noch so lange geblieben war, er wußte, es gäbe für mich keine Gefahr auf diesen Zügen und wenn auch eine solche zu bestehen gewesen wäre, er trauete zu sehr der Führung der Vorsehung auf Kindeswegen, wohl wissend, daß weit größere Gefahren oft in strenger Freiheitsberaubung dem Kinde erwachsen können. Aber war ich zu Hause, dann nahm er mich bei der Hand und wir setzten uns entweder unter die Kastanien vor der Thür, oder ich begleitete ihn auf seinen Spaziergängen, oder wir nahmen auf dem grünen Sopha im Stübchen unfern Platz, wenn draußen der Regen goß, oder der Wind brausete. Dann unterrichtete mich der Herrli, er ließ mich Bibel und Gebetbuch übersetzen, er las mir Stellen aus seinen asketischen Büchern vor, er erzählte mir nach dem Jofippon die Geschichte unsers Stammes, oder Legenden und Mährchen aus dem Midrasch, oder Begebenheiten aus seinem eignen Leben und von seinen Reisen, die er in's Reich und nach Elsaß und Holland gemacht hatte. Da hörte ich denn mit großem Interesse zu und Alles prägte sich tief der Kindesseete ein, da es gern, da es nicht im Uebermaß, da es zur rechten Zeit ihr gereicht wurde, da es vom lieben Herrli kam und den lieben Herrli betraf, der mir das Ideal menschlicher Größe und Tugend wurde. An ihm merkte der von aller Welt entfernte und einsam erzogene Knabe keinen Fehl und keine Schwache, von ihm hörte er kein böses und vernichtendes Urtheil. Und wenn er mich Abends zu Bett brachte, dann saß er noch eine Weile bei mir und sprach mir das: Höre Israel! vor und erklärte mir, welche Engel zu meiner Rechten und Linken, vor meinem Lager und hinter ihm stünden und was diese Engel zu thun hätten, wie sie nur da stünden im Namen des ewigen und mächtigen Gottes Israels", wie sie mich mit neuer Kraft und Stärke erquickten, der Eine früh am Morgen den Strahl der Sonne in mein Auge und das ewige Licht in meinen Geist leitete, der andere die heilende Hand über das Herz hielt, damit das Böse und Kranke sich aus ihm abscheide, wie aber über dem Haupte Gottes Allgegenwart thronte und mich und die Engel bewachte. Ehe er dann fortging, legte er selbst mir die Hände auf's Haupt, daß mich der Hüter Israels, der nie schlaft und nie schlummert, werden lasse, wie die Söhne Josephs, des Lieblingssohnes des Erzvaters, und daß er mich segnen und hüten solle. Ach, wie brauset jetzt der rauhe Nordwind und schlägt an die beeiseten Fenster meines Erkerstübchens und drehet die Fahne auf dem Giebel pfeifend durch die Nacht, draußen hat der ewige Gott „geschickt seinen Frost wie die Schneeflocke und wer soll vor seiner Kälte bestehen?", die Flamme im Ofen erlöscht und die Lampe aus dem Tische, wo dies Papier liegt und woran ich schreibe, glimmt hell auf und zeigt mir ihr Ausgehen an, ein halbes Jahrhundert liegt hinter mir und meiner soeben geschilderten Waldeinsamkeit, und doch duftet ihr noch, Blüten der Kindheit, und aus weiter Ferne der Zeit und des Ortes haucht ihr mich belebend an. Einsames Lager des Greises, haben dich die Engel der Kraft, des Lichtes und des Heiles verlassen? Nein, da stehet ihr noch da und ich fühle eure lieblichen, weichen Hände auf Brust und Haupt, aber ihr rauschet mit den Firtigen. Herrli, mein Herrli! der Greis steht beim Greise, die Liebe ist alt geworden, aber nicht schwach, nein, sie lodert heller wie die Lampe und wird nie erlöschen. Hinneni, Hinneni, hier bin ich, hier bin ich! ruft sie wie Raphaels Stimme, hell glänzt sie wie Uriels Licht! So senkte mein Goßvater die ersten warmen Strahlen des Gottesglaubens in das Herz des Kindes. Er selbst war ein frommer, religiöser Mann, der tagtäglich zu drei verschiedenen Tageszeiten seine Gebete mit sehr großer Inbrunst verrichtete, in welchen Momenten ich ihn wie ein Wesen anschauete, das nicht mehr auf der Erde, sondern im Verkehr mit Gott und den Geistern einer andern Welt stand; aber, wenn er mich auch vor jeder Ueberschreitung der israelitischen Lebensvorschriften und häuslichen Gesetze warnte, so übte er keineswegs jenen fanatischen Eifer, jene ewig wachende Aufmerksam-

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