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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-10-13 · Heft 42 (13.10.1851) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 42 (13.10.1851)
Date
1851-10-13
Page
Seite 501 (sequence 9)
Language
German
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501 Belletristisches. Der unbekannte Nabbi. Eine Novelle. (Fortsetzung.) 4. Der Herrli. Das Leben träumte weit und breit In tröstlicher Waldeinsamkeit. Kinkel. Es war der Herrli, dessen Bild schon lange vor der Seele des Knaben wie ein fernes Sternbild gestanden hatte. Er preßte mich, das Kind seiner jüngsten und geliebtesten Tochter, mit aller Inbrunst ans Herz, sein Mund ertönte von Dankessprüchen gegen Gott, seine Augen sahen andachtsvoll zum Himmel, wenn ec mich immer von Neuem in die Höhe hob und an sich zog, helle Thranen perlten von den eingefallenen Wangen des Greises auf die blühenden des Knaben. Es war eine Szene von mächtigem Eindruck auf mein junges Gemüth, solchen heiligen, frommen und doch leidenschaftlichen Ausdruck der Liebe hatte ich noch nie gesehen, noch nie empfunden, auch der Vater hatte mich lieb, aber seine Liebe war ernst und gemessen, besonders seitdem ich der Zucht des langen Rebi übergeben war, auch die Muhme war mir hold, aber ihre Liebe war die nur immer besorgte, ewig unruhige. Und als uns der Herrli nun in das Haus und in das kleine Wohnzimmer führte, da duftete mich gleichsam die ganze Häuslichkeit an und wie die Melodie des Kuhreigens dem Alpenbewohner in der Fremde feine ganze Heimath in die Seele zurückruft, so bringt die Erinnerung an des Herrli's Stübchen die Blütenwelt der Kindheit dem müden Greise zurück. Die Zweige der Kastanien vor der Thür verdunkelten die Fenster und verbreiteten ein trauliches Helldunkel im Zimmer, noch vermehrt durch Epheu, der sich an den Scheiben emporgerankt hatte und durch die auf den Fensterbrettern stehenden duftenden Geranien. An der Wand stand das alte, aber saubere, mit grünem Plüsch überzogene Sopha, welches den müden Knaben gemächlich aufnahm, dort stand der gebohnte eichene Schrank, auf dem zierliche Tassen und Porzellansiguren allerlei Art, besonders Musikanten und Schäfer, in wohlgeordneter Reihe, aufgestellt waren, in der Ecke pickte die große Wanduhr unermüdlich und schlug die schnell vorübergehenden Stunden, Alles war so reinlich, so einladend und doch so einfach und kunstlos. — Die Großmutter war längst todt, nur eine Magd besorgte die häuslichen Geschäfte des Herrli, er lebte zurückgezogen von der Welt, kärglich aber ohne Nahrungssorgen, denn er wurde von einem begüterten Neffen in Bamberg erhalten, der nicht allein den Greis mit dem Nothwendigsten unterstützte, sondern auch zuweilen, besonders an den Festtagen, mit reichlicheren Gaben das alte Leben verschönerte und ihm Behaglichkeit und Sabbatsfreuden verschaffte. Eine kurze Strecke von der Behausung des Herrli lag das große Dorf, in welchem eine zahlreiche Judengemeinde war, nur mit Einigen stand der Herrli in Verkehr, sie besuchten ihn am Sabbat und Festtage, horchten aufmerksam auf seine Worte und bezeigten ihm eine große Ehrfurcht, die die Achtung des Knaben vor seinem Herrli noch vergrößerte, er selbst besuchte keinen Menschen, sondern ging nur alle Tage tiefer in den Wald, wo er auf einem bestimmten alten Baumstamm Platz nahm und bei günstiger Witterung entweder, den Kopf auf den Stab gestützt in stille Betrachtungen versunken, oder in einem Buche eifrig lesend, saß. Der Herrli war kein hochgelehrter Mann, aber, in seiner Jugend in Bibel und Talmud wohl unterrichtet, hatte er in spätem Alter, als ihm Ruhe vergönnt war von den Geschäften, die ec früher auf gleiche Weise wie mein Vater betrieben hatte, sich wieder auf die nie ganz vernachlässigten heiligen Schriften geworfen, die Studien zu einem streng asketischen Leben benutzend, durch sie seine alten Tage erheiternd und klarend, nachdem eine lange Lebenserfahrung ihn mit den Gängen und Zügen des menschlichen Herzens vertraut gemacht hatte. So war in ihm eine Liebe aufgegangen, die mit Klarheit und Duldung die Menschheit umfaßte, obgleich er sich fern von den Menschen hielt, denen er in seiner beschränkten Lage und bei den abnehmenden Kräften doch Nichts mehr nützen konnte. So war der Herrli, bei dem der Vater mich eine Zeitlang zurückließ, damit er die Kräfte des Knaben prüfen und auf seine künftige Lebensbestimmung einwirken sollte. Es war das erste Mal, daß ich den Vater und das elterliche Haus auf längere Zeit nicht sehen sollte, der Abschied von ihm wurde mir zwar schwer, aber der Herrli hatte mit seiner großen Liebe mich ja ganz beseligt, die Neuheit der Umgebung entzückte den Knaben, ich war in eine andere Welt versetzt, weit, weit hinter mir stand der lange Rebi, Berge und Thaler trennten mich von diesem Schreckbild meiner Jugend. — So ging denn ein neues Leben in dieser Waldeinsamkeit bei mir an. Kaum vergoldete die 42*

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