Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 42 (13.10.1851)
- Date
- 1851-10-13
- Page
- Seite 495 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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495 Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hamburg, 26. September. Außer den Finanzanträgen von mehr lokalem Interesse ist die Genehmigung einer Verordnung hervorzuheben, durch welche die Ehe zwischen Juden und Christen gesetzlich zugelassen und normirt wird. Die Einführung von sonst nicht üblichen Zivilstandsregistern für diesen besondern Fall ist ein Fortschritt zur gesetzlichen Regelung der Stellung der Israeliten überhaupt, welche in Hamburg durch deren große Zahl von besonderer Bedeutung ist, aber namentlich in dem Verhältnisse zur Armenordnung noch erhebliche Schwierigkeiten darbietet. — Berlin, 3. Oktober. Der St. A. bringt eine Verordnung der gumbiner Regierung vom 2. September 1851, betreffend die Polizeistrafe gegen ausländische Juden, welche sich in den Grcnzkreisen ohne giltigen Reisepaß antreffen lassen. Schneidemühl, 29. September. (Privatmitth.) Die Streitfragen unserer Gemeinde fangen an, eine Bedeutung auch für weitere Kreise zu finden. Es dürfte daher an der Zeit sein, dieselben in ihrem wahren Sachverhältnisse vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Namentlich wird es von Wichtigkeit sein, die Art und Weise der hier entstandenen, wir dürfen sagen, nur sogenannten Reform zu berichten. Es scheinen uns namentlich hierüber viele wunderliche Vorstellungen umzulaufen, wovon der Grund theils in dem Namen liegt, dem man diesen schuldlosen Neuerungen bcigelegt, theils wol auch in dem großen, wunderlichen Zeter, welches die Orthodoxie darüber erhoben hat. Wir beschranken uns für heute auf die Erledigung dieses Punktes, und werden in Zukunst Gelegenheit nehmen, auch über die Entwicklungsgeschichte der Streitigkeiten zu spreche». Die ganzen Neuerungen lassen sich wol damit bezeichnen, daß man alten Unsinn und alte dem Gottesdienste unwürdige Gebräuche aus den Räumen des Gotteshauses gebannt hat. Vor Allem wird auf Ruhe und Ordnung in der Synagoge gesehen, alle Gebete werden vom Kantor laut und vernehmlich vorgebetct, während die Gemeinde still mitbetet; die Responsen werden von einem Knabenchore unter Leitung eines Lehrers einfach und geschmackvoll ausgeführt. Fast will es scheinen, als sei das Schreien, Singen, Plappern, Schwatzen, das unanständige Hin- und Herschaukeln und das Umsichwerfen mit den Händen ein integrirender Theil der Orthodoxie, — so erschrecklich gebärdeten sich die „Alten", als der Gemcindevorstand sie anging ruhig zu beten. Was anders hat denn die „Judenschule" zu einem Sprichwort« zur Bezeichnung des Lärmens gemacht, als jenes willkürliche Singen und Schreien, jenes abscheuliche laute Geplapper, das jeden Funken von Andacht aus dem Gemüthe verjagt. Jeder Anwesende singt da eine eigene Melodie in einer beliebigen Tonart, und wenn sich in diese herrliche Harmonie noch jene gräßlichen Rufe mischen, mit denen oft der Ungebildete gewisse Stellen des Gebetes zum Himmel ruft, blos, weil er es früher so gehört hat, und dazwischen noch das Geschrei einiger in den Räumen des Gotteshauses vogelfrei umherlaufender Kinder, die zwischen den Sitzen Versteck spielen, hrraustönen — so kann man sich leicht denken, wie unwürdig und selbst jedes Anstandsgefühl verletzend dies sein mußte. Diese bösen, unruhigen Satanim sind gebannt, cs herrscht jetzt in der Synagoge vollkommene Ruhe, svwol während des Gebetes, als des Vorlescns aus der Tora, und die Schuljugend sitzt unter Aufsicht der Lehrer auf gewissen, für dieselbe bestimmten Bänken. Mitunter taucht freilich noch hie und da wie ein böser Nachtgcist die Unruhe ein wenig auf, allein durch die Beschwörungsformel des Vorstandes, in welcher, wie wir vermuthen, gewisse Anspielungen auf die Thür und auf's Gericht liegen, wird er bald niedergcbannt. — Alle Gebete der alten Liturgie werden mit Ausnahme folgender Stücke, über die, wie uns bedünkt, längst der Stab gebrochen ist, gebetet. Es sind: Bame madlikin, Esc m'koman, Jozarot, j'kumpurkan, Aw harachmim, pitum Haktores, schir hajichud und anim. Mische bcrach und hanosen wird vom Prediger deutsch und die Haftora von demselben hebräisch vorgetragcn. Das Aufrufen mit und ohne adlige Titel ist ebenfalls, sammt dem Schweife von Mische bcrachs abgeschafft. Sonst ist Alles geblieben — beim Alten. Selbst am Neujahrs- und Versöhnungsfestc ist durchaus Nichts geändert, mit Ausnahme einiger Stellen des Machsors in der Keduscha, wo es von den himmlischen Heerschaaren handelt, und leider haben wir es zu beklagen, daß der Schreigeist an