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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-10-06 · Heft 41 (6.10.1851) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 41 (6.10.1851)
Date
1851-10-06
Page
Seite 490 (sequence 10)
Language
German
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490 mich manchmal ein Alpdrücken befiel, wenn ich die Zustände meines Volkes betrachtete, will ich nicht verhehlen; ich hatte öfters mit unserm Uhland meinen Glaubensbrüdern sagen mögen: „Ihr meint es löblich, doch ihr habt für unser Volk kein Herz!" Unsere soziellen Verhältnisse liegen immer noch im Argen, einige wenige Gemeinden machen Ausnahmen von der Reget, allein es werden diese wenigen Lichtbilder unter den Schattenrissen unsers ganzen Volkslebens verdunkelt. Doch ich will die Augengläser meiner Leser nicht schwarz anlaufen lassen, mögen sie selbst meine Aquarellen betrachten und sich ein Urtheil bilden. Die Aehren bleichten sich, mir bebte das Herz vor Wonne, nicht weil ich eine Ernte zu hoffen hatte, denn ich besitze keinen Schollen Land, sondern weil jetzt die Erntevakanz begann und ich den Schulstaub, der meine Lungen verschleimt hatte, abschütteln durfte. Ich packte meine sieben Sachen zusammen und eilte fort, nicht zurückschauend, fürchtend man könnte mich zur Schule zurückrufen, die ich wohl verschlossen und den Schlüssel so gut verwahrt hatte, es ergriff mich eine Angst, als käme die Glocke meines Schulhauses wackelnd und watschelnd mir nachgelaufen, bis ich mich in dem Schiffe des Omnibus sicher wußte. Der ordinäre Stellwagen hatte noch einen außerordentlichen Beiwagen mit sich, der mit jüdischen Auswanderern vollgepfropft war. Ich glaubte meinem jüdischen Weltschmerz entronnen zu sein und da sah ich wieder den Zugvogel Israel, wie er der Taube Noah's gleich ausfliegt, um das Oelblatt des Friedens zu suchen und immer findet sein Fuß ob der Sündflurh der Unduldsamkeit keine Ruhestätte. Es rüttelte mich der Schmerz um mein Volk noch mehr, als der holperige Weg in meiner Omnibusarche. Selbst die Ariettchen aus den Operertchen, die ein germanisch-judaisirender Kommis-Voyageur zwischen den Zähnen summte, konnten mich nicht beruhigen und ich konnte mir es nicht versagen die klassischen Worte aus Uriel Acosta zu rezitiren: „alles schon da gewesen!" Mein Nachbar schmollte, schlief ein und ich konnte mich auch des Schlafs nicht erwehren. Mir träumte der Sohn des aus Deutschland gepeitschten Schul'moses sei Präsident der nordamerikanischen Freistaaten geworden; da weckte mich auf der Station der monotone Ruf des Nachtwächters: „hört ihr Christen laßt euch sagen". Ich dachte: „Laß die Christen und die Juden, Bin der Sohn des vielbelobten, Großen, schriftgelehrten Rabbi Israel von Saragossa," legte mich in die Wagenecke und schlief wieder, bis ich vor dem Gasthofe zum Löwen in Löwenstein geweckt wurde, wo wir frühstückten. Nicht weit von Löwenstekn ist mein literarischer Freund Löwengard Rabbiner. Es wollte mich nicht recht ruhen lassen an ihm vorbeizugehen, allein er hat eine Metamorphose mit seinem Namen vorgenommen, er nennt sich jetzt „Salem", das ist der friedliche Salem, der einst löwenmuthig als Löwengard gekämpft hat in der jüdischen Literatur und nun behaglich im dolce far mente Hymnen aufseine Schlafmütze macht. Schlafender Freund, ich will dich nicht stören: larenell! In Weknsberg lugte Kerners Haus freundlich aus seinen Rebgeländen hervor. Die Ruinen der Weibertreu riefen mir die Worte des Staufenkaisers Konrad zu: „Königswort soll man nicht dreh'n noch deuteln." In Heilbronn kam ich zur Rast. Ich stieg bei meinem Freunde Dr. Kallmann ab, der mehrere Tage zuvor mit Glück einige der politischen Angeklagten vor dem Schwurgerichte vertheidigt hatte. Aber was hilft's, wenn auch der Jude sich auszeichnet, im Judenhaß sind die politischen Parteien meistens einig: „Aristokraten, Demokraten, — sie bieten sich die Hand, — der Jude wird verbrannt!" Rechtskonsulent Dr. Kallmann ist Stadtrath, daß er aber Jude ist, kann man ihm nicht verzeihen und deswegen ist es auch am Geeignetsten, der Jude zieht sich von der politischen Arena zurück. Zum Vorwurfe muß ich es dem frühem Vorsteher des israelitischen Lesevereins, Dr. Kallmann, machen, daß er dieses schöne Institut eingehen ließ. Wir wissen es wohl, wie schwierig es ist solche Institute wach zu erhalten, aber ein Mann von wahrer Begeisterung sür's Judenthum, und von so poetischem Gemüthe, wie Herr Kallmann, sollte alle Hebel ansetzen, um das Interesse für die neuere jüdische Literatur unter seinen Glaubensbrüdern lebendig zu erhalten. Dies ist ja jetzt in Heilbronn um so leichter möglich, als mehrere israelitische Familien sich dort niedergelassen haben und auch ein jüdischer Arzt sich dort habilitirt hat. In Freudenthal besuchte ich den Rabbiner Grünwald, der sich emsig literarisch beschäftigt; er bewacht aber sein literarisches Geheimniß, wie der Riese den Nibelungenhort und ich hatte bestimmt kein Plagiat an ihm begangen, denn ich wurde erst vor Kurzem durch einen Hofdramaturgen um einige Verse bestohlen und es that mir so wehe, daß ein so reicher Herr einem armen Judenjungen etwas wegstipizt, daß Herr Grünwald Nichts von mir zu befürchten gehabt hätte. — Herr Grünwald

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