Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1851)
- Date
- 1851-10-06
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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483 schen umschließe, daß sie ihn treu und ganz halten — , allerdings ein Neues unter der Sonne! | a) Aber auf welche Weise glaubet der Prophet, daß ' dieser Bund vollbracht würde? Erstens dadurch „ich ■ lege meine Lehre in ihr Inneres und schreibe sie auf ihr Herz ein". Bleiben wir einen Augenblick hierbei stehen, m. Z. Das ist nicht zu verkennen, m. Fr., daß unsereZeit an religiöser Oberflächlichkeit leidet. Da sind zween Gegensätze; der Eine schwelgt in mystischen Bildern und Worten, verdammt die Vernunft, die Wissenschaft, verfolgt alle die, welche seiner Fahne nicht zuschwören, so oft genug die Maske der Heuchelei vorlegend; der Andere hingegen wirft sich leichtfertig über alle geschichtlichen Errungnisse der Religion, über alle uralten Sympathien der Menschheit hinweg, wirft sich, wirft jeden Einzelnen, wirft die zersetzende Kritik zum selbstmächtigen Richter aller Forschung und Erfolge, aller Hohen und Tiefen der Religion auf, und glaubt damit die Krone der religiösen Ueberzeugung erlangt zu haben, auch seinerseits nicht ohne Heuchelei, da in diesem Prozeß zuletzt gar keine religiöse Ueberzeugung übrig bleibt. Das ist aber namentlich nicht zu verkennen, daß diese Oberstachlichkeit inson ders unter uns Juden Platz gegriffen. Um einzelne, veraltete Formen kämpft man, aber um das Innere, um das Wesen, um die Erfassung und Betätigung der Religion kümmert sich Niemand. Und woher kommt dies Alles? Weit man die Religion als eine reine Sache der Vernunft oder der Einbildung ansieht, weil man nicht weiß, oder nicht fühlt, daß die Religion mehr noch die Sache des Herzens ist; und weil nun alle diejenigen die Religion als nichtsbedeutend, als nebensächlich bei Seite werfen, die überhaupt mit der Vernunft und Einbildung, mit lieferm Forschen und Ergreifen Nichts zu thun haben wollen! Wo aber die Lehre gelegt ist in das Innere, wo sie eingeschrieben ist in das Herz — da ist sie unvergänglich, da ist sie der Kern des Lebens, da gehören alle Kräfte des Geistes ihr an! Die jetzige Zeit weiß Alles, und versteht Alles in schöne Worte zu kleiden — aber das Herz ist wenig dabei. Sagt, hat die Einfachheit der Sitten sich erhalten, oder geht sie nicht täglich mehr verloren, daß bis in die kleinste Hütte die Sucht nach Glanz, nach Schmuck und Tand dringt, daß die äußeren Bedürfniffe immer mehr wachsen, daß in deren Befriedigung des Lebens Aufgabe gestellt wird? Sagt, hat unter den großen Fortschritten unserer Zeit das Familienleben gewonnen, hat die Ehrfurcht vor den Eltern, hat die Keuschheit der Jugend, hat die Heiligkeit | der Ehe zugenommen, sind gleichmäßig alle jene stillen! Tugenden fortgeschritten, die in Werken der Barmherzig-! keit, der Selbstaufopferung, der Liebe sich verwirklichen? Ich kann Euch aus den Annalen der Geschichte das Gegentheil beweisen. Es geht Alles in Worte, in scharfsinnige, aber auch spitzfindige Worte auf. Ja, die Menschheit hat Großes gewonnen — aber sie hat auch schon Großes verloren, und steht in Gefahr immer mehr zu verlieren. Ein reines, lautces Herz als die Krone des Lebens zu haben und zu bewahren, das ist Weniger Sehnsucht, Weniger Streben, Weniger Preis. Kehret ein, kehret in die stillen Kammern Eures Herzens'ein, ruf' ich Euch Allen zu, pfleget die lauteren Gefühle, die reineren Empfindungen, lebet innerlicher, suchet immer die wahren Schätze des Lebens; begnügt Euch mit Wenigerm, aber suchet das Heit in der Bereicherung Eures Geistes, vor Allem in der Bereicherung Eures Herzens — dann treten wir in den neuen Bund ein, der in das Innere gelegt, in das Herz geschrieben sein soll. b) Und als zweites Kennzeichen jenes neuen Bundes giebt der Prophet an: „da belehrt nicht mehr Einer den Andern sprechend: erkennet den Ewigen! sondern Alle erkennen mich von Klein bis Groß." Eigenrhümlich, aber wahr. In einer Zeit, wo am Meisten gelehrt wird, wo Jeder den Andern belehren und zu seiner Ansicht bringen will — da ist gerade die Erkenntniß weniger allgemein und weniger stark. Wisien wir das nicht auch aus unserer Zeit? Der Eine will, daß die Menschheit vor so und so viel Jahrhunderten zum Abschluß gekommen sei, und nun stille stehen soll auf dem, was jene und jene Vater ausgesprochen; von der andern Seite wird der Grund und Fels alles menschlichen Wissens, Gott, in Frage gestellt, und mit wichtiger Miene Neues gelehrt, als Neues, was schon vor Jahrtausenden vorhanden war, und schon damals keinen Bestand hatte. Und mitten in diesem Lehren und Lehren fehlt es an aller Festigkeit und Sicherheit, und Alles zweifelt und Alles schwankt. Wisset Ihr, Israeliten, was Euer vorzügliches Gut ist, wisset Ihr, um was alle Anderen Euch beneiden könnten, wisset Ihr, warum man sich allseits noch zu Euch flüchten wird, wenn Ihr Euch selbst nicht verleugnet? Darum, daß in unserer Religion durch den Fels der Geschichte, durch die Ueberlieferung und Treue von hundert Generationen nach einander das Höchste, wonach alle Völker ringen, gestützt und gefestigt ist: die Erkenntniß des einigen Got-