Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1851)
- Date
- 1851-09-29
- Page
- Seite 478 (sequence 10)
- Language
- German
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478 den Egoismus überwinden muß, daß die Grundlage der menschlichen Gesellschaft das Recht ist, Ein Recht für Alle. Also ist es das Bekenntniß, das vor vier Jahrtausende» zum ersten Male in die Menschheit hinaus ries: es ist nur Ein Gott, Geist, unkörperlich; und hinaus rief: heilige dich, denn Gott ist heilig; und hinaus rief: liebe deinen Nächsten wie dich selbst; und: gieb deinem Nächsten was er bedarf, und laß es dich nicht verdrießen, daß du ihm gebest; und hinaus rief: Ein Recht und Ein Gesetz sei für Alle, für den Eingebornen wie für den Fremdling. Und sehet, diesem Bekenntniß habet Ihr dieses Haus gebauet, habet es hingestellt zum Zeugen, daß dies Bekenntniß noch nicht gewichen von Eurem Munde, und daß es nicht weichen soll vom Munde Eurer Kinder und Kindeskinder — heute wie vor alter Zeit der Psalmist sprach: Berfolger und Dränger sind mir viele, doch von deinen Zeugnissen wend' ich mich nimmer ab (119, 157.). II. Doch dieses Haus, es bezeugt noch mehr; es ist zweitens das Zeugniß Eures religiösen BedürsenS. Wie? so man arbeitet, muß man doch dessen bedürfen, was man erzielt; bringt man Opfer, so muß man ersehen, wofür sie gebracht werden; vereinigen sich Viele,- um Etwas zu schaffen, so müssen sie Alle erwünschen, wozu sie sich vereinen, wofür sie gemeinsame Anstrengungen machen. Und dieses Haus ist der Religion gewidmet, allein und lediglich der Anbetung, der Erhebung, der Erkrästkgung, wie die Religion sie bietet. Also mußtet Ihr nach dieser das Bedürfniß fühlen, nach dieser den Wunsch, nach dieser die Sehnsucht. Und so hat denn auch hier die Religion ihre ewige Siege-krast bewährt. Blicken wir in die vergangenen Jahre zurück; was hat da Alles die Menschheit bewegt! welche Wünsche wurden laut, welche Verlangen wurden gestellt, welche Bestrebungen wurden angestrengt! Aber die Religion war nicht darunter; glaubte man doch schon, die Stunde ihrer Auflösung sei gekommen, glaubte man doch, das Bedürfniß nach ihr sei erloschen in allen Menschengeistern, niemals werde es rückekehren. Aber siehe, alle jene Wünsche und Verlangen und Bestrebungen sind in den Staub gefallen und verstummt — aber nicht so die Religion; zu ihr flüchtet wieder, wessen Herz betrübt, wessen Geist unbefriedigt ist; und sie, die verachtete, verschmähete, nimmt sie freundlich an, und tröstet sie, und richtet sie auf. Fürwahr, ich meine hier keine bestimmte Religion, nicht diese, nicht jene Kirche, nicht diese, nicht jene religiöse Gemeinschaft; ich meine den religiösen Geist in seiner Allgemeinheit, das Bedürfniß des Menschen nach dem Höher», nach dem Ewigen, Ueberirdischen. Das erwacht um so stärker, je stärkere Täuschungen den Menschen betreffen, je mehr er in seinen Erwartungen, in seinen Hoffnungen sich beirrt findet. Wenn das Irdische wankt und zerfällt, dann greift er nach dem Himmlischen, denn auch das wohnet in ihm; wenn das Menschliche sich als unzulänglich bewährt, dann faßt er nach dem Göttlichen, dessen er einen Theil hat; dann kommt der Geist des Herrn, d. i. das religiöse Bedürfen, und bricht wie ein Strom über das Land, und erfüllet alle Menschenherzen. Und daß es also bei Euch ist, Männer dieser Gemeinde, Ihr bezeugtet es durch dieses Hauses Bau. I« einer Zeit der gewerblichen Stockung, in einer Zeit, wo Gewerbe und Verkehr daniederlagen, beschlösset Ihr dennoch diesen Bau und vollendetet ihn mit eigenen Kräften, durch Eures eignen Kreises angestrengte Mittel. Ihr wolltet eine Stätte haben, wo Ihr das Höhere in Euch pflegen, das Göttliche in Euch aufnehmen, wo Ihr Jhn^ Euch nahen könntet, der Alle höret, die in Wahrheit Ihn anrufen. ba DJib!rr oaab fTW )rp •>» Wer giebt, daß Eure Herzen also seien alle Tage! (5 M. 5, 26.) O sprechet, sprechet mit dem alten Psalmisten: "■pnvw btt •'ab Urt Neige mein Herz deinen Zeugnissen zu! (119, 36.) III. Aber, m. Fr., genügt es der Religion, daß man ihrer bedarf, ihrer verlangt? Kennet Ihr nicht den Spruch unserer alten Weisen: InWan ttbtt ttb nicht die Erklärung ist das Wesentliche, sondern die Thal. Die Religion will Herz und Geist erfüllen, dann aber hinaustrelen als Werk und That in die Menschheit. Und darum ist, und darum muß sein dieses Haus auch drittens das Zeugniß Eures religiösen Wollens. Denn hier wird gelehret, daß das Wesen aller Religion die Liebe ist, „stark wie der Tod, fest wie die Unterwelt", wie der alte ralmudische Lehrer Hillel sprach: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das ist der Inhalt der Religion, alles Andere nur Erklärung." Nun, wollet Ihr sie von hier mit von dannen nehmen, und Liebe üben gegen Alle, ohne Unterschied der Konfession,