Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1851)
- Date
- 1851-09-22
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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466 wenn der auch noch so oft mit: Judenbube! umherwarf. Eine tiefe Sehnsucht erfaßte mich nach meiner Hütte, nach der tauben Muhme und meinem Spielzeug, es war mir, als harte mein Vater mich auf immer verlassen (und wirklich bekümmerte er sich weniger um mich, seitdem ich dem Rebi übergeben war), die Lhranen preßten sich aus den Augen, ich fing an, laut zu weinen, was von einem Hohngelachter von Seiten meiner Mitgefangenen begleitet wurde, wonach sich aber der Rebi gar nicht kehrte, sondern — mich ausweinen ließ. Der Rebi war ein fürchterlicher Padagog. Er tröstete mich mit — Langeweile. Wochenlang saß ich nun schon Vormittags und Nachmittags in der Schulstube, er — ließ mich sitzen; er sprach kein Wort mit mir, er nahm keine Lektion mit mir vor, ich hörte nur das eintönige Aufsagen und Herleiern von hebräischen Buchstaben und Worten von Seiten der alteren Schüler, mich ergötzten nur die hieroglyphischen Bedeutungen von Haus, Kameel u. dgl., die sie den Buchstaben geben mußten, wobei ich mir die mannichfaltigsten Vorstellungen machte und der Kindesphantasie freien Lauf ließ, oder ich betrachtete die Figuren, welche der Schmutz an den Glasscheiben zufällig hingemalt hatte; ich harrete mit Sehnsucht auf die Thurmglocke, die das Signal zum Aufbrechen gab — dann kam mir die freundliche Muhme entgegen, nahm mich freundlich bei der Hand, und ihr liebevoller Blick und die reichlichen Gaben, die sie dem Liebling spendete, entschädigte mich für die ausgestandene Langeweile. Aber diese sollte bald anderen Gefühlen Platz machen. Nach einem Monat nahm mich der Rebi wirklich vor, der Unterricht begann, ich lernte Buchstaben und hebräische Verse, aber, so sehr ich alle meine Kräfte zusammennahm, -zu fassen, zu behalten — es erweichte nicht den hagern Mentor. Rippenstöße, Kopfschläge, Schimpfworte und Schelten in gemeinsten mir Anfangs unverständlichen Ausdrücken begleiteten die Instruktion, zitternd ging ich in die Schule, zitternd trat ich vor, mit dem jungen Herzblut des Kindes ward jeder Buchstabe erkauft. Ich will nicht länger bei diesen neinen ersten Leiden verweilen. Warum sagte ich es nicht dem Lieben Vater, der guten Muhme? frage ich mich noch heute. Aber das Schulhaus hatte eine solche heilige Scheu in mir erweckt, daß, wie von einem bösen Traum, ich nicht davon zu erzählen wagte und der Mund mir darüber wie geschlossen war. An freien und Festtagen entschädigte mich für die ausgestandenen Schulleiden die Freude des Alleinseins, denn allmälig war alle Lust zur Gemeinschaft mit den übrigen Dorfeskindern unterdrückt. Ich fing an, mich aus dem Dorfe zu wagen, ich bestieg die Hügel hinter demselben, bald auch die Berge, ich vertiefte mich im Dickicht des Waldes, als ich alter wurde, ich lauschte dem Gesänge der Vögel und lag oft ganze Tage im schönen Grün der Gebirgsrücken meines Vaterlandes. Eine Sehnsucht nach der Welt hinter diesen Bergen erfaßte mich, der Ton eines Posthorns, wenn er, selten in dieser Gegend, gehört wurde, konnte mich auf Tage hin entzücken und wenn ich gar in der Nacht, auf meinem kleinen Lager, ein Solches aus der Ferne vernahm, wenn der Berge Echo die Melodie vielfach wiedergab, die sich nach und nach immer weiter zog und endlich verhallte — dann füllte sich mein Auge mit Thranen, dann setzte ich mich auf und streckte die Hände aus, bis ich zurücksank und Träume von fernen Ländern, von Wiescnteppichen und Bergeshöhen, von freundlichen Menschen und lieben Kindern mich umgaukelten, aus denen endlich der Ruf des ältern Bruders, der Ruf zum langen Rebi mich erweckte. Da trat — ich mochte wol schon zehn Jahre haben — eines Tages der Vater vor mein Lager. „Mach dich auf, Salomo/' rief er dem erwachenden Knaben zu, „es ist gar schönes Wetter und ich habe versprochen, dich heute dem Herrli (Großvater) zuzuführen/' In einem Nu war ich auf den Beinen, von der Muhme in Festkleider geworfen. Es war die erste große Wanderung, die ich nach dem zwei Meilen entfernten Weinbach mit dem Vater machen sollte und zum Herrli, der, noch nie vom Knaben gesehen, das Ideal aller Güte und Liebe im elterlichen Hause war. Ich überhörte die Bestellungen alle, die mir die Muhme gab, jetzt sollte es ja hingehen, wohin die großen Kutschen mit den Fremden ziehen und die Postillionen blasen. Wir zogen vor dem Schulhaus vorbei, ich hörte das Fluchen und Schreien des Rebi, aber was kümmerte mich das? Bald war das Haus hinter uns, es ging die Berge hinauf, der Rebi schien mir meilenweit hinter mir zu stehen, ich blickte zurück, nur mit Mühe sah ich noch wenige Hauser des Dorfes, es war mir, als sollte ich sie nie wieder sehen, als wäre alles Erlebte gestrichen aus meinem kleinen Lebensbuche. Rüstig schritt der Vater voran und auch ich beflügelte meine Schritte. Es ging über den Koffein, von dem Gipfel sah ich eine Welt unter uns liegen. Das war ja die geträumte, schöne Welt. Bache stürzten herab und verloren sich bald in Waldesgrün, bald in breiten Fluren mit Kornfeldern und Garten, Felsenriffe erhoben sich und sahen uns in seltner Gestaltung an, ein Zug von Wal-