Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1851)
- Date
- 1851-09-22
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
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465 und gepreßter Seligkeit. — Und dies Gefühl des Alleinstehens in der Welt, die mich umgab, wurde immer größer, es wuchs an, als ich vom Vater zum ersten Male dem Lehrer überbracht wurde, den die Bildung der wenigen jüdischen Kinder des Dorfes und 'einiger benachbarter kleiner Oerter anvertraut war. — Ich mochte fünf Jahre sein, als mir mein Vater eines Sonntags Morgens eröffnete, daß er mich heute zur Schule bringen wollte, damit ich fromm und gelehrt würde. Ich freuete mich sehr — nicht zwar auf das Fromm- und Gelehrtwerden, aber auf die Kinder, die ich dort alle sehen würde und die, da sie alle jüdischen Eltern angehörten — das wußte ich wol schon — viel freundlicher und liebreicher gegen mich sein würden, als die sich immer mehr mir entfremdenden Bauern- und Ardeiterknaben. Das Haus war am jenseitigen Ende des Dorfes, man mußte über einen Bach, über den eine schmale Brücke, von beiden Seiten durch Geländer geschützt, führte, und an dem ein altes Weib mit Waschcklopfen beschäftigt war. „Nun, Reb..." kreischte sie meinem Vater entgegen, „bringt Ihr Euern Schelomo? es wird auch wirklich Zeit, daß der Zunge Etwas lernt und sich nicht ewig unter den Gojim herumtreibt, Ihr seid die ganze Woche nicht zu Hause und die alte Muhme hört Nichts und sieht auch Nichts. Der Rebi ist schon drinnen." Mit diesen Worten verließ sie den Bach, trat an uns heran, streifte mir mit den nassen, rauhen Händen über's Gesicht und zog einen hölzernen Knüppel aus dem Riegel der kleinen Hausthür, der zum Verschließen diente. Wir traten ein. Die Hausflur war zugleich die Küche, ein erstickender Rauch erhob sich vom Heerde, auf dem ein großer Kessel stand, in welchem Wasche gekocht wurde, ebenso sich mehrere Töpfe befanden, aus denen die Gemüse ihren einladenden Dunst entsandten. Ein lautes, eintöniges Gebrüll schallte uns aus der Schulstube entgegen, in die wir jetzt ehrfurchtsvoll erntraten. Auf mehreren Banken saßen mir unbekannte Kinder von verschiedener Größe und verschiedenem Geschlechts, nur ein Knabe auf der vordersten Reihe sah mich freundlich, wenn auch furchtsam, an: es war mein ältester Bruder, an zehn Jahre älter als ich. Gewohnt an die reinliche Umgebung in unserer Hütte, sauber gehalten durch die unermüdlich fleißige alte Muhme, widerte mich der Anblick des Zimmers, in welchem ich gelehrt und fromm nSerden sollte, ungemein an. Da standen vier nackte Wände, an denen die Kalkbedeckung in großen Portionen abgefallen war, durch die niedrigen und kleinen Fenster konnte man vor sie bedecktcndem Schmutz nicht sehen und sie wurden noch durch Gesträuch verdunkelt, welches wild vor ihnen aufgeschossen war, die Decke des Zimmers, obgleich die Höhe von meinen kindlichen Augen gemessen wurde, hing tief herab, vor den Banken war ein großer Tisch mit Schüsseln, Tellern, angeschnittenem Brode und Viktualien bedeckt, vor ihm standen mehrere zerbrochene Schemel, an der Lehne eines solchen hing ein großer Bogen mit gedruckten Buchstaben. Alles dies machte einen sehr trüben Eindruck auf mich, obgleich natürlich die Einzelnheiten erst später mir genauer vortraten und vertraut wurden. Aber der Mentor! Da saß eine lange, hagere Figur auf einem Dreischemel und erhob sich bei unserm Eintritt langsam und nachlässig, ein langer, schmutziger Schlafrock umhüllte diesen Menschen, bei seinem Erheben zog er die herabfallenden weißen leinenen Beinkleider nach sich in die Höhe und befestigte den drohenden Auseinanderfall seiner Umhüllungen mit einem Bunde, der als Gürtel diente. Auf dem Kopfe hatte der Schulmeister eine kurze Perrücke, von brauner Farbe, an welcher hinten ein kleiner Zopf nicht herabhing, sondern kühn in die Höhe stieg. Das Gesicht war erdfahl, die Wangen waren eingefallen, die großen Augen aber glotzten schwarz und feurig aus ihren Höhlen. Dieser hagere, lange Mensch hatte aber eine Stentorstimme, wenn er sich hören ließ. Einen lauten „guten Morgen" brüllte er meinem Vater entgegen und reichte ihm die dürre, lange Hand. „Setzt den Jungen dort auf die Bank," kommandirte er mehr mir als dem Vater zu, und ich nahm meinen Posten ein. Er ging darauf mit meinem Vater hinaus und vertiefte sich vor der Thür mit ihm in ein Gespräch, wahrend welcher Zeit die Jugend um mich her in verschiedene Manifestationen ihrer momentanenen Freiheit ausbrach. Aber bald stand der Lehrer wieder vor uns, sein Kopf reichte bis an die Decke, dies erhöhete in meinen Kinderaugen seine riesige Gestalt. Mit einem Wuthausbruch fiel er über die Vordersten her, mein Gott! ich sehe, auch mein Bruder bekam Schlage, die er freilich still hlnnahm, aber mein Kinderherz hatte auf ewig mit dem Manne gebrochen. So drang die erste Schneeluft in den frühen Frühling meines Lebens und hauchte mich eiseskalt an, ach! auch der Mensch muß seine Pankratius-, Servatius- und Mammertustage überstehen und sie haben oft schon die Blüten geknickt, ehe sie sich aufschlossen und der ganze Sommer bleibt blumenöde. Ich fühlte, hier konnte ich nicht lieben, der große, lange Rebi war schlimmer als Nachbars Seppel, 39*