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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-09-22 · Heft 39 (22.9.1851) · p. Seite 464

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 39 (22.9.1851)
Date
1851-09-22
Page
Seite 464 (sequence 8)
Language
German
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464 Er hatte, wie gewöhnlich, die ganze Woche im Gebirge mit seinen Handelsgeschäften verbracht, und da nun der Sabbat kam, kehrte er zurück; er hatte sein geliebtes Kind schon von der Anhöhe erblickt und er rief mich ihm entgegen. Ich blickte auf, ich sah ihn, wie er seine Schritte beschleunigte, ich flog ihm entgegen, er hob mich auf, ich hing an seinem Halse. — In diesem heiligen Augenblicke erwachte das Ich Ln mir, ich fühlte, daß ich in diesem großen All, das mich umgab, unter diesem blauen Himmel, der mir als Wohnsitz des großen Vaters bezeichnet war, von diesen Bergen, hinter welchen, wie mir gesagt war, noch viele Menschen und Kinder wohnten, an der Schwelle dieses Hauses, in welchem die Geschwister mit mir die Tage verbrachten, an dem Herzen dieses Mannes, den ich Vater nannte, weil kein anderer Mensch eine solche Fülle von Liebe aus sich in mein Wesen ergoß, ich fühlte, daß ich unter allem diesem auch ein Wesen wäre und es war die große Geburtsstunde, in welcher ich nuch selbst — mein geistiges Leben — aus der umgebenden Natur und der jungen Körperhütte herauswand. — Dieser Augenblick ist ein Wahrzeichen geworden für mein ganzes Leben. Wenn mich das Schicksal erdrücken wollte und seine kalte Hand auf das warme Herz legte, wenn dies selbst schlug, getrieben von dem Hammerwerk der Leidenschaft, wenn Alles um mich unterzugehen schien und sich verlieren wollte, wenn ich selbst mich verlieren wollte, wenn von meinem Horizonte auch der letzte schimmernde Stern zu verschwinden drohete, wenn der Tod der einzige Erlöser aus aller Noth zu sein schien, dann trat jene Abendstunde, dann trat jenes Erwachen meines Jchs wieder vor mich und erleuchtete wie der Morgenstern das Dunkel der Nacht, und der Tag brach an mit allem seinem Licht und aller seiner Klarheit und das innere Leben erschloß sich von Neuem, wie es damals sich erschloß. — Vielleicht tritt dieser Moment des Erwachens in dem einsamen Dorfkinde, an welchem die Eindrücke des Lebens nicht so wechselnd und schnell vorübergehen, als in dem Stadlkinde, und weil es in seiner beschrankten Umgebung mehr auf sich angewiesen ist, früher und lebhafter ein; so viel ist gewiß, daß sich im jüdischen Kinde eher und kräftiger ein gewisses Selbstbewußtsein herausbilden mußte. — Ich spielte viel mit den Nachbarskindern und sie.waren, wie ihre Eltern, gewöhnlich freundlich mit mir und theilten mir mit, wie ich ihnen mittheilte, von Allem, was wir besaßen. Aber fast täglich wurde ich doch von ihnen als „Juden- | knabe" bezeichnet und wenn sie auch selbst hiermit noch keinen deutlichen Begriff verbanden, so wurde ich doch , dadurch als etwas Besonderes, etwas Anzuftindendes, Verächtliches, wenigstens nicht Ebenbürtiges herausgestellt, was mir und ihnen immer deutlicher — wenn auch ohne innern Grund — zum Bewußtsein kam. So mußte ich mich natürlich auch bald als etwas Besonderes fühlen, das weniger Anspruch auf die Wett und auf die Liebe seiner Mitgeschöpfe hatte. Dies Gefühl hat mich, weil es in frühester Kindheit in die Brust gepflanzt wurde, nie verlassen, es hat mich in meinen Jünglingsjahren tief gebeugt und nur als ein von der Wissenschaft und dem Leben getragenes klares Bewußtsein der Verhältnisse sich durchgearbeitet halte, verließ es mich und wich dem in sich zurückkehrenden, sich abschließenden Stolze. So lange der Frieden in unserer kleinen Kinderwelt herrschte, so lange die Gemeinschaft im Spiel sich aufrecht erhielt, so lange war ich der von allen Dorfkindern gesuchte und geliebte Salomon, so bald aber ich einen, wenn auch gerechten Anspruch erhob, so bald Absonderungen vorsielen, so war es der Judenknabe, auf dem sich der allgemeine Hohn oder der Spott eines Einzelnen häufte. Nicht aber blos in feindlicher Beziehung wurde ich gemahnt, daß ich zur großen Mehrzahl nicht gehörte; denn, wenn ich in die Häuser der Dorfleute trat, so wurde ich ja bald nach diesem und jenem Jüdischen gefragt, ob Vater zum Sabbat zucückkame, ob nicht bald dieser oder jener jüdische Festtag wäre, da wurde mir bedeutet, daß ich diese oder jene Speise nicht genießen, an dieser oder jener Freude keinen Antheil nehmen dürfte. Zwar entschädigte das Elternhaus mit allen seinen stillen Freuden den blühenden Knaben in mancher Hinsicht, die große Liebe, welche die alte, taube Muhme für mich hegte und mit der sie ganze Becher voll Kinderfreuden über mein junges Dasein ergoß, der Anblick des Vaters, der nach der Tage Last und Hitze am Sabbat bei uns ausruhete und jedesmal Etwas mitbrachte, auch vom Großvater im entfernten Dorfe erzählte und grüßte, zwar erhob Nichts höher das Kinderherz, als die Sabbalsfreude selbst mit den brennenden Lichtern, dem weißen, mohnbestreuten Sabbatbrode auf der seidenen Tischdecke, aber nur wenige Schritte von der Schwelle des Hauses, mitten in der herrlichsten Natur, unter einem biedern, treuen, deutschen Volksstamme — war doch schon eine fremde Welt für den Juden, die ihn wieder zurücktrieb in das stille Haus und die Ahnungen, die sonst das Kind von der Herrlichkeit der Welt entzücken, zurückdrängten in dies Herz, daß es beinahe zersprang von zusammengedrängter Liebe

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