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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-09-22 · Heft 39 (22.9.1851) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 39 (22.9.1851)
Date
1851-09-22
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
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462 Israeliten auf das Schaltjahr 1852, herausgegeben von M. Breslauer. Breslau bei Leuckart. Volkskalender sind die Kanäle, durch welche Bildung und Wissen bis in die untersten Schichten des Volkes geleitet werden. — Der intellektuelle Fortschritt der Zeit und die sie bewegenden Ideen müssen zur allgemeinen Kenntniß gelangen; die Intelligenz darf nicht ein Privilegium der Einzelnen, sie muß Volkseigenthum sein, und hierzu tragen die Volkskalender wesentlich bei. Jüdische Kalender haben aber noch eine andere Aufgabe, nämlich die Verbreitung des speziell-jüdischen Wissens. Die jüdische Jugend erfahrt aus der Geschichte die politischen und religiösen Kämpfe anderer Nationen, die Literatur lehrt ste die hervorragenden Geister derselben kennen, aber das viel- und stürmisch bewegte Leben ihres eignen Stammes, die lebendige geistige Regsamkeit, welche sich in seiner Literatur kund giebt, diese bleibt unserer Jugend oft ganz fremd. Es ist daher gewiß sehr zweckmäßig, wenn uns die jüdischen Kalender jüdisch-historische Bilder, in einen schönen Rahmen gefaßt, vorführen, und durch jüdisch:wissenschaftliche Abhandlungen einen Einblick in das geistige Leben des jüdischen Atterthums gewinnen lassen. Unser wackrer Landsmann Herr M. Breslauer hatte bei der Herausgabe seines Kalenders, von welchem uns gegenwärtig der zweite Jahrgang vorliegt, diesen Zweck im Auge. Derselbe bringt auch in diesem Jahre eine Reihe gediegener und sinniger Aufsatze, in denen eine reiche Fülle jüdischen Wissens enthalten ist und die selbst das Interesse des Nichtjuden in hohem Grade zu fesseln vermögen. Ein Rückblick auf das Jahr 1850/51 (5611) von S. Oelsner eröffnet den Reigen. Der Verfasser führt darin noch einmal die das Judenthum betreffenden Ereignisse des vergangenen Jahres an unserm Auge vorüber. Wir zucken dabei manchmal schmerzlich zusammen, unser Blick trübt sich zuweilen; aber unsere Hoffnung auf die Zukunft ist deshalb nicht vernichtet. Non si male nunc, et olim sic erii. — Aus dem 19ten Jahrhundert versetzt uns Dr. Geiger in seinen „Proben jüdischer Vertheidigung gegen christliche Angriffe" in das Mittelalter zurück. Wir werden in die Werkstätte des spanisch-jüdischen Geistes geführt und sehen mit freudiger Genugtuung, daß blutige Verfolgung und^entnerschwerer Druck die Thätigkeit des frischen Geistes nicht zu lähmen vermochte. Wir lernen die Waffen kennen, mit welchen die jüdischen Spanier die christlichen Angriffe auf das Ju-! denthum abgewehrt, und nirgends gewahren wir in diesen „Vertheidigungen" eine Verkümmerung des Geistes, überall markige Frische und sprudelnde Lebendigkeit. Erfährt auch der in der jüdischen Literatur nicht unkundige Leser aus den Geigerschen „Proben" nicht sonderlich viel Neues, so bleiben sie immer ein schatzenswerther Kalenderbeitrag. — Von diesem spezifisch jüdischen Gebiet machen wir mit Herrn Di*. Cohn eine kleine Exkursion auf das Feld der Naturwissenschaften. In einem Aufsatze „die Menschheit und die Pflanzenwelt" theilt Herr Dr. Cohn Resultate neuerer naturwissenschaftlicher Forschungen mit. Die Gediegenheit dieser Abhandlung ist bereits von Notabilitäten der Naturwissenschaft anderweitig anerkannt worden. — Von der Naturwissenschaft in's Theater. „Ein jüdischer Schauspieler und eine jüdische Schauspielerin des Alterthums von Dr. Munk." Eine höchst interessante Abhandlung mit schöner phantasiereicher Ausstattung. — Vom Theater »in „das Ghetto von Prag!" wo uns K (Kaufmann) jüdische Sitten und altjüdisches Leben vorführt. Der Aufenthalt in diesen dumpfen und zusammengeschrumpften Wohnungen der „prager Judenstadt" wird dem Leser durch das liebliche poetische Parfüme, welches K. in denselben ausgestreut, sehr angenehm gemacht. — Hinter dem Ghetto treffen wir „Vetter Schmul von Leopold Kompert". Ein niedliches Sittengemalde mit durchweg heiterem Kolorit. Echte gemüthliche Frömmigkeit gepaart mit schonender Toleranz bilden den Grundtypus des Vetter Schmul. — Dr. Zunz ladet uns zu „des Lebens schönster Feier" ein, bei welcher er die „Traurede" halt. Wir ersehen aus derselben, daß der Nestor der jüdischen Literarhistoriker nicht nur allein den Verstand, sondern auch Herz und Gemüth anzusprechen versteht. — Den sozialistischen „piis desideriis“ des Herrn Wertheimer wünscht gewiß jeder Edeldenkende baldige Realisirung. — Kurz vor dem Ausgange unsers Jahrbuches begegnen wir noch einer ebenso von tiefer philosophischer Auffassung, wie von immenser Belesenheit in den jüdischen und christlichen Religionsquellen zeigenden geistvollen Arbeit. „Ueber den jüdischen Ursprung der christlichen Ethik von B. Friedmann." Der Verfasser sucht darin mit der ihm stets eignen Tiefe und Gründlichkeit, die bisher von den Theologen für das Christenthum usurpirte Ursprünglichkeit der „Liebe und Ethik" wegzudemonstriren und sie als Ureigenthum des Judenthums Hinzustetten. Diese Arbeit ist eine Zierde des Kalenders. Finis coronat opus. Außerdem findet sich in dem Jahrbuche noch viel Nützliches in ansprechender Form. Auch mehrere kleine poetische Nippsachen feh-

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