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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-09-15 · Heft 38 (15.9.1851) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 38 (15.9.1851)
Date
1851-09-15
Page
Seite 454 (sequence 10)
Language
German
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454 schastsbedürfnissen versah und durch diese winzigen Verzierungen ihres nackten, freudelosen Lebens sein eignes nacktes, freudenloses Leben erhielt. Ich war das dritte Kind, ein Bruder und eine Schwester waren nur einige Jahre alter. Man erwartete schon am Abend des letzten Tages im Jahre seit mehreren Stunden meinen Eintritt in diese Welt, als die Wehmutter meinem Vater, der eben von seinem Handel aus dem Gebirge bei noch gutem Wetter zurückgekehrt war, mit bedenklicher Miene erklärte, daß hier ungewöhnliche Verhältnisse Vorlagen, die die Anwesenheit eines ärztlichen Helfers aus der Stadt dringend nothwendig machten. Die Stadt war über drei Wegstunden entfernt, ein fürchterlicher Sturm hatte sich erhoben, von schrecklichstem Schneegestöber begleitet, dicke Finsterniß draußen. Kein Bote wagte es, den beschwerlichen, in dortiger Gegend gefährlichen Weg zu machen, nirgends war eine hilfreiche Hand zu erlangen. Da erhob sich der ermüdete Mann, nahm das Oberkleid vom Nagel ab, hüllte sich ein und ergriff den Wanderstab. Ich werde gehen und die Hilfe schaffen, mein Weib, sagte er, über meine Mutter gebeugt, die ihn festhalten und lieber sterben wollte, als ihn in dunkler Nacht bei solcher Witterung entlassen. Er aber machte sich los und mit dem Ausrufe: „Auf deine Hilfe hoffe ich, oHerr!" ging er zur Thür hinaus und hatte bald das letzte Haus des Dorfes hinter sich. Der Schnee fiel nicht in Flocken, er rieselte in kleinen, stark gefrornen Körnchen herab, die der Wind verwehrte und an einzelnen Stellen zu ganzen Bergen heranthürmte. Die Gipfel der Berge in der Nahe blitzten durch die Nacht vom starken Froste und durch das dunkle Grün des Fichtenwaldes schimmerten meteorartig die Eisflachen hindurch, aber die Baume trugen auf ihren weit ausgestreckten Armen überall den Schnee in wunderbaren Gestalten. Die Landstraße, der Fußsteig, alles war unwegsam. Aber der von der Angst getriebene Gatte achtete dieses Mühsals nicht. Mehr als einmal sank er in die Knie, aber er richtete sich wieder auf mit lautem Rufe: Auf deine Hilfe hoffe ich, mein Gott! mehr als einmal versank er in Hohlwegen bis an den Kopf, aber mit riesiger Gewalt arbeitete er sich wieder hervor, und wenn dann eine Strecke wieder mehr Bequemlichkeit zum Gehen darbot, murmelte er sein „Weggebet" und rief alle-Engel zu seiner Hilfe, nicht achtend auf das Stöhnen der Eulen und Nachtvögel, die über die Föhren flatterten, auf das Geschrei der aufgeschreckten Raben, die sich in die Lüfte schwenkten. Ein Glück war es, daß er den Weg zu genau kannte, den er ja wöchentlich mehrere Mate zu machen hatte, um seine Waaren aus der Stadt zu holen: er kannte jeden Baum, der ihm als Wegweiser diente, jeden Berg mit seinen Abhängen, die an der Seite des Weges zuweilen Schutz gewahrten. Nach dreistündigem Wandern, dem Erfrieren nahe, mit von Frost angeschwollenem Gesichte, an allen Gliedern erstarrt, kam er in die Stadt. Wie stach das fröhliche Sylvesterleben hier gegen den Aufruhr der Natur, aus dem mein Vater so eben getreten, ab! In allen Häusern lautes Leben! aus allen Fenstern Licht, es -war auch Mitternacht, aber ein bewegtes Tagestreiben, womit man dem neuen Jahre entgegeneilte, ja der Ungestüm des Wetters, das Toben der Elemente schienen den heiteren Städtern nur zur größern Aufmunterung zu dienen, die Freude, die sie in den geschützten Häusern, in den warmen Stuben empfanden, desto lauter werden zu lassen. Mein Vater eilte nach dem Hause des Arztes und wie groß war sein Schrecken, als er erfuhr, daß derselbe abwesend wäre und zwar auf einem Balle zur Sylvesterfeier. Er ließ sich das Haus bezeichnen und eilte auch dorthin. Mit klopfendem Herzen drängte er sich durch die dichte Menge, die vor den Salons stand, ein „Fremdling in einem ihm fremden Lande", der Angstschweiß rieselte in Tropfen von seiner Stirn und den Wangen, die Kleider waren durchnäßt von Schnee und triefend vom Wasser; mit Neugierde sahen ihn die geputzten Herren und Damen an, aber er blieb ihnen nicht lange die Antwort schuldig. Ec frug nach dem Dr. K., und dieser hatte sich eben entfernt und wurde in einer halben Stunde wieder erwartet. O, es war eine martervolle halbe Stunde! Da stand er in den Vorzimmern der Freude, da rauschte die Musik, da hob sich der Fuß der Tanzenden in raschen Walzer, da jauchzten die Vivats, da klangen die Gläser und er im Herzen die Verzweiflung, vor seinen Augen sein in namenloser Noth umkommendes Weib in der Hütte, draußen der immer starker werdende Sturm, dessen Geheul jetzt den Lärm in den Sälen überschrie, das Geprassel des Schnees und Regens an die hohen, gewölbten Fenster; nie gesehene Pracht, nie empfundenes Elend! So dicht steht ihr öfters zusammen, ihr Herzen der Menschen, so dicht, daß ein Menschenarm weiter reichet, als ihr beisammen stehet und doch bewegen euch, Kinder eines Vaters, so verschiedene Gefühle, hochjauchzende Freude, tiefzermalmender Jammer! Und doch war die nächste halbe Stunde noch schrecklicher. Der Arzt erschien und mein Vater trug ihm sein Gesuch vor. Aber der Dok-

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