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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-09-15 · Heft 38 (15.9.1851) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 38 (15.9.1851)
Date
1851-09-15
Page
Seite 455 (sequence 11)
Language
German
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455 toc runzelte die Stirn und meinte, Ln solchem Wetter wäre es unmöglich, sogleich mitzukommen und er müßte die Reise bis zum frühen Morgen verschieben. Der Weg wäre spurlos, kein Mensch würde ihn fahren wollen, auch liefe er Gefahr, eher umzukommen, als der leidenden Frau Hilfe zu bringen und die Aussicht wäre dann um so schlimmer für diese. Der berechnende Verstand hatte diesen Gründen wenig entgegnen können. Auch bestärkten den Mann mehrere Freunde, die sich um ihn versammelt hatten. Mein Vater war vor Erschöpfung und Schrecken einer Ohnmacht nahe, er taumelte zurück, hielt sich aber noch an einem Pfeiler fest. Dann siel er auf die Knie vor dem Manne, der helfen sollte, er beschwor ihn, seinem Weibe Hilfe zu bringen, er sicherte ihm die Hilfe des höchsten Gottes zu, der würde ihn sicher geleiten durch Sturm und Nacht, darauf könnte er sich fest verlassen, fester wie die Eichen und Föhren auf den Kössein und der rauhen Kulm stünden. Dann malte er ihm die Freuden des morgenden Neujahrstages, wenn er, wie sein Beruf es erheischt, nicht achtend der Welt außer ihm, ein Retter geworden wäre. So beredt war ein Jude vor sechzig Jahren, diese Beredsamkeit hatte in den heiligen Büchern der Väter Nahrung gefunden, hatte die Angst der Stunde erhöhet, hatte die Lage des Lebens gelehrt. — Der Arzt warf einen Blick durch's Fenster und schwankte. Da nahete sich ihm, während Jedermann schwieg und die Gruppe mitleidsvoll aber stumm betrachtete, ein alter Offizier. Doktor, sagte er, Ihr werdet nicht dem Krieger nachstehen und doch ist sein Beruf das Schlachten seiner Mitmenschen, Eurer das Erhalten! Euch fallen noch keine Kugeln von Eisen und Blei auf's Haupt, sondern höchstens Schneebälle; wenn der General kommandirt muß ich heraus trotz Wetter, Wind und Wogendrang. Euer General ist die Noch, der arme Jude hier laßt laut genug ihr Signalhorn ertönen. Ich reite mit Euch und begleite Euch nach dem Dorfe, mein Schimmel steht zu Euern Diensten, da können wir Euch immer sehen, wenn Ihr in der Patsche steckt und Ihr sollt einen treuen Famulus an mir haben. Ein lauter Beifallsruf ertönte von allen Seiten, die Musik stimmte an: Auf, auf, ihr Kameraden! Eine unbegrenzte Fröhlichkeit bemeisterte sich der Leute. Der Arzt war bereitwillig und während er sich zurecht schickte und die Pferde gesattelt wurden, überhäufte man meinen Vater mit Trostworten, klopfte ihm auf die Schulter, brachte ihm Erfrischungen, daß er austhauete in der Wärme der Zimmer, von der Gluth des duftenden Weines, vor Allem von der Wärme, die ihm aus Menschenherzen entgegen quoll. — Heilige Liebe der Menschheit, nie versiegender Quell ewiger Urliebe! und ihr wollet sie trüben mit eueren Satzungen, vergiften mit eueren Gesetzes, vertilgen mit eurer Selbstsucht, ausrotten mit eueren Schwertern und Geschützen. Nimmermehr! Ihr könnt es nicht. So wenig wie das Siebengestirn da oben seinen Glanz verlieren, so wenig wie der Morgenstern dort im Osten seine Bahn verlassen wird, so wenig wie da ausbleiben wird der Frühling mit seinen Schneegtöcklein und Maienblüten, mit seinen Lerchen und Nachtigallen, so wenig wird die Liebe vergehen in der Menschenwelt, „denn, ihr Born ist gegründet von Atters her", von der Hand des mächtigsten Geistes, unverft'eglich, unerschöpflich! So trabten sie fort, mein Vater mit einer großen, festen Leuchte vor ihnen schreitend. Noch einmal ging es durch Nacht und Graus, aber sie kamen glücklich an. Es war hohe Zeit, ja es war die höchste, denn ich wurde zwar gerettet, aber nach wenigen Stunden hauchte meine Mutter ihr Leben in den Armen meines Vaters aus. Glücklich pries sich der Arzt, daß er gekommen war, um nicht die Schuld an dem Tode der Unglücklichen zu tragen und wenigstens ein Leben zu retten. Braver Offizier Volkmar (so hieß er), der Herr hat es wunderbar gefügt, daß ich an deinem Kinde die Schuld abtrug, oder vielmehr nur theilweise vergalt, was du mir gethan, ehe ich das Licht der Welt erblickte!... Mein Vater stand an der Leiche, ein tiefer Seufzer entfuhr der gemarterten Brust. Es war eine fürchterliche Neujahrsnacht gewesen, er aber stammelte: Auf deine Hilfe hoffe ich, o Gott! Ich habe ein trauriges Nachtgemälde entworfen, es krähet der Hahn, mein Auge neiget zum Schlummer: Auf deine Hilfe hoffe ich, o Gott!... (Fortsetzung folgt.) A n z e i g e r. In demselben werden Annoncen aller Art gegen l1/« Ngr. (1 gGr.) Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petitschrift oder deren Raum so wie literarische, merkantile u. a. Beilagen ausgenommen. Die Verlagshandlung.! Aufforderung. i In hiesiger israelitischer Kultusgemeinde soll zu Mij chaelis d. I. die Stelle eines Religionslehrers wiederbesetzt werden. Hierauf Reflektirende, welche außer allgemein wissenschaftlicher Bildung gründliche Kenntniß unserer Religion und die Fähigkeit zum Unterricht im Talmud besitzen, auch auf Erfordern deutsche Kanzelvorträge

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