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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-09-15 · Heft 38 (15.9.1851) · p. Seite 453

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 38 (15.9.1851)
Date
1851-09-15
Page
Seite 453 (sequence 9)
Language
German
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453 Straßen des Dorfes, der Schnee bedeckt den Weg, glatt und eben, ohne Spur großstädtischer Beweglichkeit, ohne Gleise der Karossen. Zerstreut liegen die kleinen Hauser, ruhig schlummern die Bewohner, alle Lichter sind ausgelöscht, nur da unten in dem kleinen Giebelhause schimmert eine Lampe, dort war ich heute und brachte Trost, dort liegt eine arme Leiderin, eine Jungfrau von siebzehn Jahren krank darnieder. O, wie werden dir die Stunden der langen, kalten Nacht so lang werden, deine einst blühenden Wangen sind seit Monden eingefallen, deine jugendlich frei athmende Brust beklommen, der Tod hat sich sein Opfer erkoren und doch hoffst du auf den Frühling, auf eine wärmere Sonne, auf den duftenden Tannenwald, und deine traurige Gegenwart erheitert der Glaube an eine bessere Zukunft.... Und wenn auch der Frühling die Blumen nur auf deinem Grabe emporsprießen lassen wird, „deine Augen lassen ab von Thranen, deine Stimme vom Klagen, denn ein Lohn wartet deiner Leiden, eine Hoffnung deiner Zukunft."... Hell glanzet der Mond am Himmel und beleuchtet den Föhrenwald auf den Hügeln im Hintergründe der Landschaft, es funkeln die Sterne am Firmamente, eure Bahnen sind euch vorgezeichnet, wie mir die Meinige.... Von der Ecke da drüben unterbricht nur das Rauschen einer Musik die feierliche Stille der Nacht, dort tgnzt die Jugend dem neuen Jahr entgegen, aber die Glocke schlagt zwölf Uhr, vom Thurme erschallet der Choral: Nun danket Alle Gott! und auch die tanzende Jugend unterbricht ihren Reigen und begrüßt das neue Jahr mit feierlichem Gesang: Nun danket Alle Gott! Ja dir in der Höhe, Halleluja, ich danke dir.... Noch wenige Stunden und sechzig Jahre meines Lebens sind verflossen, es ist meine Geburtsnacht, die ich feiere. Kein liebes Weib ruft mir den Glückwunsch, kein liebliches Kind reicht mir den süßen Mund; Gott, ich bin einsam und verlassen, wie eine Ruine aus alter Zeit stehe ich da, wie ein Baum ohne Laub. ... Wenn ich jetzt in die starre Winterlandschaft einen Bewohner des äußersten Nordens führte, der nie den deutschen Frühling gesehen, wenn ich ihm sagen würde: nur wenige Monde und diese Luft, die dich so eisig anhaucht, sie wird in nie gefühlter Gluth deine Glieder durchströmen, diese Schneedecke der Erde wird verschwunden sein und saftige Kräuter werden sie mit frischem Grün bekleiden, wie du es nie gesehen, auf denen das jetzt zurückgescheuchte Vieh wieder weiden wird in Lust und Wonne, dieses Gestrüpp wird mit Blättern und Blüten bedeckt sein, duftende Blumen werden dort emporsprießen, wo die Eisdecke liegt, auf diesen starren Zweigen werden sich singende Vögel wiegen und Blatter, Blüten und darauf erquickende Früchte werden zu ihren Füßen hangen, kurz, wenn ich ihm die ganze Herrlichkeit des Frühlings und alle Wonnen des Mai's mit beredter Zunge vorpredigen, selbst mit dem Pinsel vormalen wollte, er würde schüttelnd das Haupt bewegen, er würde mich für einen lieben erheiternden Mährchenerzähler hatten, aber an der Wahrheit zweifeln, zweifeln — bis die Frühlingssonne selbst durchbricht und ihn überzeugt mit dem frischen, warmen Leben selbst, daß es keine Mähr war, was ihm verkündet worden.... Von der eisigen Welt um sich herum erstarrt, schüttelt der Mensch das Haupt über die Herrlichkeit des Frühjahrs jenseits des Grabes, und er erstarrt in diesen Zweifeln bis — der Ruf ertönt.... Fast ein halbes Jahrhundert ist es, daß ich dich verlassen, du kleines Geburtsdorf, und noch stehst du vor meinem Geiste lebhafter als jüngst gesehene Gegenden. Ich sehe die zerstreueten Häuser am Fuße des Fichtelgebirges, im Rodachthale, wo man von einer Seite die Fichtelhöhen, von der andern den Kamm des thüringer Waldes sieht, ich sehe die springenden, zahlreichen Quellen vor den Häusern, den lebendigen Zaun, der sich von Haus zu Haus schlängelt, und an dem hier und da eine schlanke Tanne sich erhebt, ich sehe dich, Haus meines Vaters, du niedrige, friedliche Hütte mit dem schattigen Ahorn vor der Thür, mit deinem Schindeldache, deinem kleinen Obstgarten neben dem winzigen Hofraum, der durch Schichtholz noch verengt wurde. Es bewegt das alte Herz eigenthümlich diese Erinnerung an die Kindj heit, die uns nur giebt und Nichts nimmt, die Sehnsucht steigt auf nach dem Anblicke meiner heiligen Kindheitsstätten, sie hat mich besonders in den letzten Jahren ergriffen, aber sie kann hienieden nicht mehr gestillt werden. Nun, so werdet ihr Blätter, in stillen Mitternachtsstunden die Vertrauten meiner Geheimnisse, so will ich; durch euch nochmals aufleben lassen die Erinnerung, noch i einmal mit euch träumen den Traum eines bewegten! Lebens, das hier seine zeitliche Ruhestätte gefunden hat.! Oft erzählte mir mein Vater von jener Neujahrsnacht, die heute vor sechzig Jahren die Nacht meiner Geburt war. Er hatte viel Mühseligkeiten getragen, dieser Va-! ter, dieser arme Handelsjude, der mit wenigen anderen seines Stammes, im Dorfe die Holzhauer, welche auf dem Gebirge das Holz fällten und die Bergleute in dm benachbarten Minen mit ihren Kleidungsnnd Wirth- 38*

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