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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-09-08 · Heft 37 (8.9.1851) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 37 (8.9.1851)
Date
1851-09-08
Page
Seite 443 (sequence 11)
Language
German
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443 ich am Fasten und Trauern keinen Theil genommen und mich, von der brenenden Sonne geplagt, im offnen Wagen auf der Landstraße umhertreiben mußte." Ist ganz ebenso, meinte K. Ihr Beruf bringt ja auch öfteres Fasten und Kasteien und ist frei von allen Einschränkungen des Gesetzes, weil es die Noch so fordert. Sie hören wahrlich Echa's und Kinot*) genug im Jahre.... „Aber ich habe Ihnen, mein lieber K., einen Vorschlag zu machen. Sie sind ermüdet und erschöpft, wie wäre es, Sie treten ein und halten Ihren Jnbiß bei mir, es steht Alles, zwar frugal, bereit dazu; oben da habe ich von einem Freunde eine seltene Flasche Wein, die trinken wir zusammen und wollen Zion und Jeruschalajim heute Abend vergessen oder vielmehr hoch leben lassen und trinken auf ein neues Zion in uns und um uns/' Das ließ sich Freund K. nicht zweimal sagen, denn auf dem Lande verlernt man alles Komplimentiren. ,,So wird's mir nicht jeden Tag geboten," waren seine Worte und er trat ein. Und obwol an Jahren und in Beruf sehrverschieden, öffneten sich unsere Herzen und tauschten sich unsere Gedanken aus. O, ihr Vornehmen und Geldmänner, lernt nur das Volk kennen, das ihr so verachtet, seine eiserne Beharrlichkeit im Guten, seinen unerschütterlichen Mulh in täglichen Sorgen und Leiden, die wie Bienenstiche verwunden und brennen, seine unerschöpfliche Gutmüthigkeit, seinen felsenfesten Glauben und Vertrauen an die ewige Liebe, die ihm so viel versaget von dem, was ihr habet und was euch erfüllet, seine rastlose Tätigkeit im Schweiße des Angesichts, seine herrliche Resignation auf den Tand, der euch umgiebt und den es neidlos und ohne Ingrimm täglich ansieht — lernet es kennen, wenn ihr es der Mühe werth haltet, und ihr werdet das Volk achten lernen! Noch einmal kamen wir auf den Fasttag zurück in unseren Gesprächen und als ich meinem K. begreiflich machen wollte, daß dieser in unseren Tagen einen neuen Charakter gewinnen müßte, ja fast bedeutungslos wäre, als ich ihn fragte: ob er wol feine Werkstatte verlassen und morgen in ein neu konstituirtes Judenreich ziehen würde, was daher die Trauer wol noch für Bedeutung hätte, antwortete er mir sehr ruhig: Mag Alles sein, mein Lieber, ich gehe sowenig hin wie Sie, aber, sagte mein alter Lehrer, der Rabbi Salomon, auf ihn ruhe der Friede! aber, sagte dieser, *) Nur für Unkundige bemerken wir, daß dies die Klagegesänge sind, welche die Synagoge am 9ten Ab, dem Zerstörungstage des Tempels, absingt. auch der Leiden seiner Jugend erinnert sich der Mensch und ihrer Freuden gedenket er, obgleich keine Macht der Erde die Jugend zucückführen kann und obgleich wir sie oft auch nicht wieder haben wollten, wenn sie uns Gott anbieten würde, viele Güter betrauern wir, die unwiederbringlich verloren sind, wenn sie auch jetzt keinen Werth mehr für uns hätten. Es läßt sich da viel sagen, aber Sie erlauben, daß ich mich verabschiede, sie werden auf mich ängstlich warten zu Hause. Da fiel mir das Grab und sein Stein wieder ein und ich ärgerte mich ob meiner Vergeßlichkeit. Die Gelegenheit, etwas über den Unbekannten zu hören, sollte mir nicht entschlüpfen und ich hielt den alten Mann zurück. Ist das, frug ich ihn, derselbe Rabbi, der hier begraben liegt auf unserm kleinen Betholam? „Ja wohl," meinte K. Und wer war dies? „Das war ein seltner Mann — Niemand weiß, woher er stammt und woher er kam, und wo sein Vaterland, er war hier lange Lehrer der Jugend, viele Jahre, aber er lebte immer für sich, studirte Tag und Nacht. Er wohnte im Hause des seligen L., wo er eigentlich den Hauslehrer machte, aber alle armen Kinder im Orte unterrichtete er, war auch sehr angesehen beim Amtmann, bei dem allein er zuweilen Besuche machte, schloß sich dann mit diesem sonderbaren Mann ein und schrieb für ihn und war Rathgeber. Ec wußte in allen Sachen Bescheid, war ein gro- .ßer Talmudist, wie man sagte, aber auch Sprachkenner, und verstand die Sterne und sogar Arznei, und sogar Ehochmath-Jad und Ehochmalh-Panim *). Stand ich doch selbst dabei, es war in der Stube der seligen alten Mutter L., da kam ein fremder Mann hinein, ein Bettler, der reichte dem Rabbi die Hand. Als dieser die Hand aufmerksam betrachtete, sah er aus einmal dem Fremden starr in's Gesicht und rief bewegt: Macht euch fort, ihr Mörder, ihr habt ja unschuldiges Blut vergossen." Der Mann stand erst wie vom Blitz getroffen, dann ging er schnell zur Thür und zum Ort hinaus und Niemand hat ihn wieder gesehen. Auch hat der Rabbi genau die Stunde seines eignen Todes angegeben, als er krank wurde und alle seine Schüler berufen und sie gesegnet und die Kleinen geküßt und dann nur den seligen M. bei sich gelassen, den er bat, in der dritten Stunde des Sabbats auf ihn aufmerksam zu sein, dann würde er einschlafen, M. sollte dann das Schema rufen, denn er würde nicht wieder aufwachen. Und so geschah *) Chiromantik und Physiognomik.

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