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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-09-08 · Heft 37 (8.9.1851) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 37 (8.9.1851)
Date
1851-09-08
Page
Seite 442 (sequence 10)
Language
German
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442 Anblick; hinter zerfallenem Gemäuer liegen gewöhnlich die Gräber ohne Ordnung, die verwitterten Leichensteine, bald hoch und breit, bald niedrig und schmal, je nach der Würde oder dem Vermögen des darunter Schlafenden, sind durch die Lange der Zeit bald ganz, bald zum Theit niedergesunken und ihre Schrift ist nur mit Mühe zu entziffern, keine Blume bedeckt den ungepflegten Rasen, hier erhebt sich noch ein Grab hügelsörmig, dort ist ein anderes tief eingesunken, von dichtem, wildem Gestrüpp überzogen, kein bequemer Gang führt zu den einzelnen Ruhestätten. Die Pietät, die sie zu bearbeiten verbietet, hat hier meistens zum andern Extrem, der Vernachlässigung geführt, und nur hier und da hat die bewältigende Neuzeit die Sitte der Väter durchbrochen und ihren Geschmack vereinzelten Ruhestätten ausgedrängt. So ist es fast noch in allen alten und großen Gemeinden des über die Welt zerstreueten Israels. Auf dem kleinen Friedhofe unsrer kleinen Gemeinde ist es anders. Es ist nur ein kleiner Platz von kaum einem halben Morgen Land, keine Mauer, nur eine lebendige Hecke umschließt ihn, er liegt mitten unter Kornfeldern und Gärten, die Gräber der vordersten Reihen wenigstens ziemlich bearbeitet und mit Blumen und Grün eingefaßt und geschmückt, nur wenige Leichensteine geben Kunde von der „Lehmhütte", die hier vergeht, die meisten Stätten bleiben nur dem Andenken der Angehörigen und Ueberlebenden bekannt, daher sind hier viele unbekannte Gräber, da der Friedhof schon seit fast einem Jahrhundert die Angehörigen der Gemeinde ausgenommen hat. — Sonderbar! die alten Juden legten ihre Todten in Gärten, die des Mittelalters in Aecker, die neuern machen aus den Aeckern wieder Garten. — Die Kinder legten ihren Kranz nieder, Alle, auch die jüngsten wurden still und betreten; erhaben ist der Ernst auf der Stirn des gereisten Mannes, aber noch erhabener auf dem kindlichen, rosigen Gesicht, das sonst nur das Lächeln umspielt. Ueber uns war der Mond aufgegangen und beleuchtete silberhell die weißen Leichensteine und blickte durch das schattige Grün der gepflanzten Ulmen, ringsum duftete der wilde Thymus und Serpyllum, auf die weißen Rosen sielen die Thränen meines Knaben, der die Mutter noch gekannt hatte, ich aber, das Herz voll von Gedanken des Todes und des Wiedersehens, wandte mich nach dem Hintergründe des Gräbergartens, dort die wenigen noch vorhandenen Steine und schwarzen Bretter musternd, auf denen unbekannte Namen längst Verstorbener zu lesen waren. Da kam ich an einen einfachen Stein, dessen Inschrift mir aufsiel. „Hier ruhet," hieß es, „der gelehrte Rabbi Salomon, gestorben am ... er führte ein Leben voll Tugend und Liebe, sein Wissen war so groß wie seine Frömmigkeit, Niemand weiß aber, woher er stammte und aus welchem Lande er hierher gekommen. Seine Seele sei verbunden dem Bunde des Lebens." Von diesem hatte ich ja noch nie etwas gehört und ein bloßer Fremdling kann er doch nicht im Orte gewesen sein, sonst hätte man ihn schwerlich durch den wiewol bescheidenen Leichenstein ausgezeichnet und ihm so großes Lob gezollt. So dachte ich und wir gingen nach Hause, wo meine Kleinen bald auf ihren Bettchen dem Schlafe in die Arme sielen, während ich, von den Eindrücken des Abends wach erhalten, meine Gedanken von dem Grabe des Rabbi Salomon nicht trennen konnte. Ein Rabbi hier, an diesem kleinen Orte und in so mystisches Dunkel gehüllt, es muß doch Nachricht von ihm zu erlangen sein! Es war wahrlich nicht bloße Neugierde, die mich plagte, es war die natürliche Theilnahme, die jeder unserm Stamm Angehörige, wenn er diesen Stamm und seinen ewig wahren Glauben liebt, an dem Schicksale derer nimmt, die in ihm und für ihn gelitten, und daß hier keine ganz unbedeutende Erscheinung vorhanden war, glaubte ich fast zu ahnen. So sehr erfaßt jedes Dunkel die menschliche Brust und laßt der Phantasie — besonders in schlafloser Nacht — den weitesten Spielraum. — Und dennoch — so überwältigend ist wieder der Tag und sein ruheloses Treiben — am andern Tage und den nächstfolgenden hatte ich den Rabbi vergessen und vom Berufe zur Pflege und Sorge für lebende Unglückliche bestimmt, war mir das Grab mit seinem Todten aus dem Gedachtniß gekommen. — O für wen errichten wir Steine! Aber es blieb dennoch nicht so. Es war ja am Tage der Trauer über das zerstörte Jerusalem, als ich nach des Tages Last und Hitze, von einer Reise zurückgekehrt, vor meinem Hause auf und abging, mich des stillen, warmen Abends, der heimkehrenden Schnitter mit den beladenen Kornwagen, die von den Nachbarn ekngefahren wurden, des fröhlichen Gewühls auf der Straße freuend. Aus dem kleinen Bettempel kamen die wenigen Glaubensgenossen, die ich freundlich begrüßte, und unter diesen mein alter Freund und Liebling, der greise K. „Nun," redete ich ihn an, „Gevatter K., wie ist das Fasten abgelaufen?" Sehr gut, mein lieber Herr, je älter man wird, desto leichter tragt man Entbehrungen dieser Art, obwol der Tag sehr lang und heiß ist. „Ja," erwiderte ich, „das glaube ich, ich habe es auch gefühlt, obgleich

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