Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1851)
- Date
- 1851-09-01
- Page
- Seite 428 (sequence 8)
- Language
- German
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428 christlichen Hauseigenthümern ein Zirkulärschreiben zugesandt, in welchen» er Jedem derselben eine Strafe von 100 Gulden K. M. androht, welcher einem Juden ein Lokal zu einem Berkaufsgeschäft oder einem Gewerbe vermiethet. Das war zu arg. Se. Exzellenz der Statthalter Graf Goluchowski hat sich nunmehr die sammtlichen Aktenstücke vorlegen lassen, um nun mit Zustimmung des Ministcrrathcs einen desinitiven Beschluß zu fassen. Diesen haben wir also zu erwarten, und die Gerechtigkeitsliebe, welche der Herr Statthalter zu allgemeiner Anerkennung überall bethätigt hat, läßt uns das Beste erwarten. — Dr. Kohn in Raudnitz hat die hiesige Predigerstelle nicht angenommmen. Prag, 17. August. (Privatmitth.) Es ist nunmehr entschieden, daß für den israelitischen Religionsunterricht an den hiesigen Gymnasien ein besonderer Lehrer angestellt werde. Se. Exzellenz der Statthalter hat beim Ministerium befürwortet, daß dieser aus Staatsmitteln besoldet werde. Brünn, 14. August. (Ll.) Das Ministerium hat beschlossen, die vom mährischen Landesrabbincr Hirsch bekleidete Stelle durch die Wahl der Repräsentanten der Israeliten provisorisch zu besetzen, so daß jedoch die stattgehabte Bestätigung der in der Schwebe befindlichen Regelung der.jüdischen Kultusverhältnisse im Kronland Mähren kein Eintrag thun soll. Als kompetenzfähig werden jene Individuen anerkannt, welche eines wahrhaft religiösen und gesitteten Lebenswandels sind, die erforderlichen Kenntnisse besitzen und die österreichische Staatsbürgerschaft nachzuweisen im Stande sind. Alle diese Belege sind bis zum 15. September der mährischen Statthalterschaft einzuscnden, nach welchem Zeitpunkte dann die Wahl durch die Repräsentanten der Israeliten vorgenommcn und der hohen Bestätigung unterzogen werden wird. Die Dotirung von jährlich 600 Fl. geschieht aus dem mährischen Landesmassafonds. Der „Lloyd" bemerkt noch hierbei, daß schon im vorigen Jahre der Statthalter die jüdischen Kultusverhältniffe in Mähren besprochen habe, eine baldige Regelung aber durch die obige provisorische Besetzung des Landesrabbinats nicht in Aussicht stehe. — Rußland. Aus dem westlichen Rußland, im Juli. (Privatmitth.) Ein großes Unglück hat die zumeist von Juden, namentlich jüdischen Handwerkern bewohnte Stadt Berditschew (an 30,000 Juden) heimgcsucht, nämlich ein gräßlicher Sturm, wie man ihn seit Menschengedenken nicht erlebt hat; er hat allein fünf Häuser gänzlich zusammengestürzt, wobei mehre Menschenleben verloren gingen. — So groß die Zahl der in Rußland wohnenden Juden ist, sie nimmt dennoch reißend ab. Die Konskription ist es, die sie zur Flucht treibt. Ich führe nur ein Beispiel an. In Mohilew in Podolien zählte man bei der vorletzten Zählung noch 3200 Juden; bei der letzten kaum — 1100. Die Anderen sind Alle nach der nahen Wallachei geflohen, und werden nimmer wiederkehren. Wo irgend ein Grenzpunkt ist, findet dasselbe statt, und in nicht gar langer Zeit wirddies das so nicht übervölkerte Rußland wol empfinden. — Die Mitglieder des Rabbinerkollegiums, das in Petersburg eingesetzt werden sollte, sind längst gewählt, aber noch nicht einberufcn. Es wird wol dabei bleiben. — Die s. g> polnisch-jüdische Tracht schwindet vor der Strenge, mit welcher die Regierung darauf hält, immer mehr und mehr. Allerdings wollten noch Viele als Märtyrer gelten, oder zeigen, daß sie die Loskaufssumme zahlen könnten, allein jetzt will die Regierung die Erlaubniß zur alten Tracht selbst für Geld nicht gewähren. Ein ander Mittel, das man anwendet, ist, die Tracht der alt-russischen ähnlich zu machen und für letztere auszugeben. Allein die Beamten halten ein gar zu wachsames Auge darauf. — Ueberhaupt sind es noch immer weniger die Ukase und höheren Beamten, die meist human sind, die wir zu fürchten haben, als vielmehr die kleinen Beamten. Diese sind die Tyrannen des Volkes. So ein Polizeimeistcr einer kleinern Stadt hat seine 300 Silberrubel Gehalt. Er will aber ein Haus machen, fein wohnen, am Fest seinen Champagner trinken, von dem die Flasche einen Dukaten kostet — er braucht also seine 2000 Silberrubel das Jahr: von wo nun die Herkommen, kann man sich denken. Daher lebt man in den größeren Städten, wie z. B. in Odessa, viel sicherer, weil da die kleinen Beamten unter der Kontrole der höheren stehen, und die Letzteren fürchten. Jedennoch muß die Unparteilichkeit eingestehen, daß auch nicht selten in