Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1851)
- Date
- 1851-09-01
- Page
- Seite 425 (sequence 5)
- Language
- German
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425 Schon das älteste Wort stellt den Menschen, obgleich theilhaftig des göttlichen Geistes, im Kampfe mit dem Egoistischen und seinem Getriebe, der Leidenschaft, dar, über welche die moralische Kraft, die Liebe, den Sieg zu erringen hat. 1 M. 4, 7.: „Ist es nicht, wenn du gut bist, Erhebung, wenn du nicht gut bist, so liegt die Sünde vor der Thür, nach dir ist ihr Verlangen, du aber kannst über sie herrschen." Was ist aber, wie wir gesehen, eng verbunden mit dieser Liebe, mit dem Herrschen der Sittlichkeit über die überall lauernde Sünde? Der Gottesglaube, denn es heißt das. 15, 6.: „Er glaubte an dm Ewigen und das rechnete er ihm als Tugend an. So wird die Heiligung die Wurzel, aus welcher Kultus und Moral hervorgehen sollen („Heilig sollt ihr sein, denn ich der Ewige bin heilig," 3 M. 19, 1.), und diese Heiligung ist doch nichts anders, als das Streben, das Ungöttliche, Unreine, Leidenschaftliche und Leidenschaft Erweckende von uns abzurhun, das Egoistisch-Leibliche in uns niederzuhalten, das Göttliche, Reine, die für Andere thatige Liebe immer mächtiger werden zu lassen. Darum „sollst du lieben deinen Nächsten wie dich selbst" (3 M. 19, 18.), jene unvergleichliche, praktische Vorschrift, die dem egoistischen Streben sein Recht widerfahren laßt, weil ohne dasselbe Nichts bestehen könnte, ihm aber die Liebe zugleich beschränkend entgegenstellt. Daß hier die christliche Lehre von der Feindesliebe keine Erweiterung ist, sondern nur eine besondere Hervorhebung und -Geltendmachung der Liebe in dieser einzelnen Richtung (Matth. 5, 44) geht ja daraus deutlich hervor, daß eben gegen sich selbst, kein Mensch feindlich gesinnt sein wird, daher auch, wenn die allgemeine Vorschrift seinen Nebenmenschen wie sich selbst zu lieben, befiehlt, auch diejenigen, welche uns anfeinden, Nichts zu befürchten haben werden und wir für ihr Wohl ebenso zu streben und zu beten haben, als für das unsrige. Zudem heißt es ja ausdrücklich an unsrer Stelle.' du sollst dich nicht rachen und Zorn nachtragen u. s. w., obgleich der Evangelist — sonderbar genug — geradezu anführt: Ihr habt gehört, daß gesagt ist: du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen 0), was nirgends in unsrer Schrift gesagt ist und am Allerwenigsten an der Stelle, worauf es sich bezieht. — Soll aber im Streite mit den feindlichen Machten, die gegen uns ankampfen, die Liebe als die höchste Sittlichkeit hervorgehen, und verbunden sein mit dem Gottesglauben, ja ist sie eins mir ihm zu nennen, so muß die Liebe zu Gott selbst die höchste Stufe des menschlich-sittlichen Strebens sein und darum heißt es (5 M. 6, 5.): „Ilnd du sollst lieben den Ewigen deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen," wozu schon der Talmud (Sota 31, 1) bemerkt, daß die That aus Liebe größer sei, als die aus Furcht. Und wie könnte diese aus dem Glauben hervorgehende Gottesliebe (denn die Stelle wird eingeleitet durch die Verkündigung dieses Wesens als einiges und einziges NN8 wnb» 'n) nicht des Menschen ganze Geistigkeit erfüllen, da es selbst sich darstellt gegen den Menschen als „barmherzig und gnädig, voller Huld und Wahrheit, bewahrend Liebe den Tausenden, vergebend Sünde und Missethat und Schuld, wenn auch die materiellen Folgen der Sünde ungestört eintreten lassend, sie aber auch bald und früh verlöschend und von der Liebe überdauert werden" (vgl. 2 M. 34, 7.), der anderen vielen Stellen nicht zu erwähnen, welche auf dies Verhaltniß des Schöpfers zum Geschöpf Hinweisen, wie z. B. Jesch. 49, 15.: „Vergißt wohl ein Weib seines Säuglings, ihres Leibes Sohnes sich nicht zu erbarmen? Ob solche vergäße, so werde doch ich nicht dein vergessen." Also lehrt das Judenthum keine dem einfachen Verstände widersprechende Mysterien, zu deren Verständniß und mittheilbarer Klarheit ein tausendjähriger theologischer Witz nicht hinreicht. Das was es uns über das Wesen Gottes sagt, ist einfach und wahr und aller Verstand der Verständigen, alle Philosophie der Weltweisen hat bis jetzt nicht mehr herangebracht: Gott ist der allmächtige Geist (''"NB), das ewige absolute Sein (2 M. 3, 14), das einig-einzige Wesen (5 M. 6, 3.), im Verhältniß zum Geschöpfe die Liebe, die sich mitlheilt und aus dieser mitgetheilten Liebe Gl au den sw ah rheit wird. Wir würden aber hier ein ganzes Religionsbuch schreiben, wollten wir den Inhalt dieser Lehre nach allen seinen Seiten hin auseinandersetzen, das kann ja hier nicht. Absicht und zweckmäßig sein, wir wollten nur darthun, wie diese Lehre ganz dem entspricht, was wir früher als Resultat der simpeln Beobachtung des menschlichen Lebens erkannten und deshalb ist sie geeignet, den ganzen Menschen zu erfüllen, die Zweifel zu bannen und das Kind Gottes reisen zu machen zum Reiche des Himmels, zum Reiche des Friedens. So, glaube ich, ist die Frage beantwortet: Wie sollen wir unsere Kinder erziehen? Wir sollen sie erziehen im und zum jisraelitischen Bewußtsein, daß sie sich aller Wege als Israeliten bewußt seien, der Bedeutung ihres Berufes als Solche eingedenk, des Inhalts der Lehre klar, die nichts Anderes ist, als Gott ist der deinen Vä-