Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1851)
- Date
- 1851-09-01
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225714-3225751--11933-3242074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
423 seine Wanderschaft und tausend Vorkommnisse waren nothwendig. Nun, die Vereinigung aller dieser besonderen Geschehnisse und Verhältnisse, ist sie sichtbar, erkennbar, wie sie geschehen? wie es so und nicht anders gekommen? Ob der Gläubige sie göttliche Vorsehung, der Ungläubige Zufall nennt — für den Menschen ist die Gestaltung seines eigenen Geschickes ein Räthsel, zu dem er nur einen sehr theilweisen Schlüssel hat, den er immerfort durch den Spruch: „es war eine Fügung, es fügte sich so" ergänzen muß, d. h. mit anderen Worten, sie ist ihm unsichtbar, verdeckt, unerweislich. Seien wir vor Allem aufrichtig, mein Theurer; wenn wir zurückblicken, ein Jeder in sein Leben, wie Vieles ist uns begegnet, bei dem wir staunend diese „Fügung" bewundern! Wie hat sich hier von Weitem, ganz von Weitem angesponnen, was von tiefster Bedeutung war, tausend an sich Unbedeutendes, das wir kaum beachteten, traf zusammen, tausend kleine Steine trugen wie von selbst sich zusammen, um auf einmal ein fertiges, nie geahntes Gebäu vor uns Hinzustetten. Wie trat wieder dort überraschend mit Einem Male ein Bedeutsinnes vor uns hin, wir wissen nicht, von wo es kam, das uns aus der Tiefe hob, oder auch in eine solche schleuderte. Aber Jedweder hat Solches in seinem Leben, und er muß sich, auch der Stärkste, auch der Gewaltigste, unterthanig dem Unsichtbaren, Verdeckten, Unerweislichen bekennen — — und doch will man es leugnen?! §}. Was würde nun, Theuerster, das Resultat dessen sein? A. Daß wir ein Unsichtbares, Verdecktes, Unerkanntes und darum für uns Unerweisliches in den natürlichen wie menschlichen Dingen glauben müssen, das wir und weil wir es in seinen Wirkungen erkennen, aber nicht in seinem Wesen, über dessen Wesen wir daher aus jenen Wirkungen abstrahiren, ohne daß uns damit dieses Wesen selbst erkenntlicher werde. K. Sie wollen also sagen: wir sind genöthigt, Gott zu glauben, weil wir Seine Wirkungen erkennen; wir erlangen nur eine Vorstellung von Gott, indem wir uns Seine Eigenschaften aus Seinen Wirkungen abziehen, ohne damit aber Sein Wesen erkannt zu haben. A. Ganz recht. Gott ist unendlich; wir können das Unendliche nicht begreifen, folglich auch das Wesen Gottes nicht. Aus Seinen Wirkungen aber ziehen wir uns z. B. Seine Allweisheit und Allgüte heraus. K. Ich verstehe sehr wohl. Sie haben aber in Ihrer Definition da zwei Worte zusammengestellt, die im ' gewöhnlichen Sinne völlig zwiespältig zu sein scheinen, und auch so einander gegenübergestellt werden: „glauben" und „erkennen". Sie wissen, wie es seit Mendelssohn unzählige Male wiederholt worden, daß das Judenthum kein „Glauben" kenne und fordere, daß es vielmehr seinen Vekennern das „Erkennen" nicht allein zugestehe, sondern sogar abverlange; man beruft sich dabei auf die vielen Stellen der Schrift, wo das Wort in Bezug auf Gott gebraucht wird. Wie viele Tiraden hat man in Predigten darauf gebaut, wie viele Folgerungen daraus gezogen! In neuerer Zeit erhebt sich mit Macht eine andere Ansicht, und ist erst jüngst auch in diesen Blättern ausgesprochen worden. Man sagt: Gott ist gar kein Gegenstand der Erkenntniß, er kann nur, und muß daher geglaubt werden; das Judenthum kann unmöglich seine Lehre den Zweifeln, ja selbst der Leugnung so preis geben, daß der Bekenner damit und daraus machen könne, was er wolle, denn dann wäre das Judenthum nur eine „freie Gemeinde", aber keine Religion; das Judenthum müsse überall den Gottglauben und den Offenbarungsglauben voraussetzen; man berief sich auch auf die Stellen der Schrift, wo in Bezug auf Gort gebraucht worden.... Man kann nun nicht leugnen, daß auf beiden Seiten Wahres ist, wenigstens scheint es mir so, und setze ich es voraus, da Jenes von so gediegenen Männern und so oft behauptet worden, Dieses mir aber auch einleuchtet. Sie nun verbinden Beides in Ihrer Definition, und dies scheint mir ein wichtiger Leitfaden, um den gedachten Streit zu einer gewissen Entscheidung zu bringen. Wollen wir daher nicht naher daraus eingehen? A. Ich bin es zufrieden, machen wir es zum Gegenstände unsers Gespräches, wenn wir morgen in diesem freundlichen Parke wieder Zusammentreffen. Franzensbad, 21. August. Was ist von der bürgerlichen Gleichstellung in ihren faktischen Erfolgen zu halten? Vier Vorgänge in neuester Zeit lenken unsre ernste Aufmerksamkeit auf die, noch lange nicht entschiedene Emanzipationsfrage: 1) Die Entfernung jüdischer Professoren von ihren Lehrstühlen aus rein ultramontanen Motiven in Frankreich; 2) die Verwerfung der Zulas-