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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-08-25 · Heft 35 (25.8.1851) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 35 (25.8.1851)
Date
1851-08-25
Page
Seite 417 (sequence 9)
Language
German
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417 aber dennoch den Einzelnen möglichst wenig verbinde. Sie sagt: wie? eben haben wir uns von einem kirchlichen Joche frei gemacht, eben erwacht in der jüdischen Masse das Gefühl für Selbstständigkeit der Ueberzeugung, in ihr auf eigenen Füßen zu stehen, und mehr mit seinem Gewissen als mit dem tobten Buchstaben zu berathen, und schon wollt ihr sie von Neuem knechten, wollt ihr derselben Dogma und Satzung aufbürden nach eurem Gutdünken, wollt Zwang und Gewalt ausüben, wollt blinden Gehorsam und Autoritätsglauben verlangen? Und in diesem Sinne wollen sie wol den Lehrerstand heben, aber den Rabbiner- und Predigerstand drücken und abhängig machen, wollen die Schule fördern, aber die Synagoge schwächen. — Sie sehen, ich stelle hier beide Parteien völlig unparteiisch neben einander. Denn wir müssen ein gewisses Maß Recht in Beiden, in Beiden aber auch ein Maß Unrecht und Einseitigkeit anerkennen. Welches von beiden Systemen streng durchgeführt würde, es würde unendlichen Schaden anrichten. Gesetzt die erste Partei gelänge innerlich zum Ziele, so würde allerdings die Entwickelung gewaltsam unterbrochen, und ein Stillstand hervorgerufen, der dem Charakter der Zeit und dem Streben nach eigener Bildung so schnurstracks entgegenstände, daß er sich doch nur kurze Zeit halten könnte, und einen gewaltigem Zusammenbruch Hervorrufen würde, als bei gesunder Entwickelung je stattsinden wird. Gesetzt aber sie käme äußerlich zu ihrem Willen, so wird daraus ein Kampf entstehen, der mit den größten Nachtheilen für die Religion enden würde. Denn selbst das Staatsgesetz ist nicht im Stande, eine kirchliche Macht zu erhalten, die nicht im Volke wurzelt und nicht von der Anschauung des Volkes getragen wird. Das Schlimmste für diese Partei ist aber, daß sie ein Ziel erstrebt, das in ihr selbst noch keine Wirklichkeit hat. Sind denn nur drei dieser Herren einig, wie diese Synagogalautorität beschaffen sein soll? und sind denn drei dieser Herren einig, was der Inhalt dieses neuen konkreten Judenthums sein soll? welche Dogma und welche Satzungen gelten sollen? Haben sie aber selbst diesen realen Inhalt noch nicht, wie können sie hoffen und verlangen, daß die Juden von selbst sich zu Etwas bekennen sollen, das noch nicht da ist, das jene erst schaffen wollen? — Nicht minder ist das zweite System von den schädlichsten Einwirkungen begleitet. Die baldige Auflösung des ganzen Judenthums wäre die Folge; alles Gemeindeleben, aller Kultus, alle religiöse Gemeinschaft gingen zu Grunde. Um dies aber zu bewirken ist eine Scheinverfassung der Gemeinde nicht nöthig, ist ein Schulwesen nicht erforderlich. Der Unterricht der JugeNd ist unerläßlich und trägt Früchte — aber lasset den Knaben, sobald er die Schule verlassen, ohne Lehre, ohne reWöse Erregung und Pflege, lasset den Mann, das Weib ohne Kultusübung und religiöse Anleitung — und ihr könnet die Schule nur auch schließen, was sie gegeben, wird bald verloren sein. — Sie werden mir entgegnen: was denn? Sie werden mir zurufen: nur keine Halbheit! Jeder muß einer bestimmten und entschiedenen Ansicht folgen, wenn er wirksam sein will, und nur einer Solchen entsprießen genießbare Früchte! Ganz Recht. Es giebt aber noch eine dritte Ansicht, die auch bestimmt und entschieden ist, wenn auch keine extreme. Ich halte unsre Zeit für eine Zeit des Uebergangs; ich halte dafür, daß es keine Zeit ist, schon wieder abzuschließen, aber anch keine aufzulösen. Wir leben in einer Zeit, wo das Alte noch eine große, tiefgcwurzelte Kraft hat, wo aber auch das Neue schon eine mächtige, einflußreiche Gewalt besitzt; in einer Zeit, wo das Alte nicht mehr so stark ist, um ihr Gebäude aufrecht zu erhalten, wo aber das Neue noch nicht so stark ist, ihr Gebäude irgend haltbar zu errichten. In solcher Zeit können extreme Ansichten kämpfen, nur kämpfen mit einander, aber noch Nichts schaffen. In solcher Zeit muß und kann aber nur eine mittlere Phase angestrebt werden; in solcher müssen alle vorhandenen Institute möglichst gepflegt werden, ohne der Richtung der Zeit zu nahe zu treten, ohne der Entwickelung eine Schranke zu setzen. Wir müssen die Schule pflegen, denn sie ist die Pflanzstätte der Zukunft, wir müssen die Synagoge pflegen, denn sie ist die Stütze der Gegenwart, wir müssen die Gemeinde pflegen, denn sie ist die Mutter, die Ernährerin, der fruchtbare Boden Beider, wir müssen vor Allem den religiösen Sinn pflegen, denn ohne ihn sind alle drei unnütz und unfruchtbar. Der religiöse Sinn aber wird micht durch Körperschaften und Zwang, sondern allein durch zeitgemäße und innige Ausbildung der Schule, der Synagoge und der Gemeinde gepflegt, die dann mit Gottes Hilfe auf das Wichtigste, das Haus, influiren werden. Darum muß der Lehrer wie der Rabbine, die Schule wie die Synagoge, die rechte Stellung erhalten, und Beide 35*

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