Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1851)
- Date
- 1851-08-25
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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412 stkge, Gottheit und Seele, an das Materielle knüpft und jenes nur mit diesem bestehen läßt, hat hierin noch einen Vorzug vor dem spiritualistischen Dialektiker, er kann seine Beweise bei Weitem verstandesrechter führen, als dieser und gewinnt dadurch oft genug den Sieg, wo es auf dergleichen Beweise nur ankommen soll. Aber daß uns jene schlichte verstandesrechte Einsicht in die höheren Wahrheiten versagt ist, hangt mit dem jetzigen Bestände der Welt und der Gesellschaft eng zusammen, die Auffindung und Verbreitung eines schlicht verstandesrechten Beweises der Gottheit und der Unsterblichkeit der Seele müßte nothwendig die ganze Menschenwelt umgestalten und so würde es dem schwachen Erdbewohner noch weit eher vergönnt sein, die Raumgrenze dieses Wandelsternes zu überschreiten, als auf diesem Sterne eine neue Menschenwelt zu bilden. So ist und bleiben also Gott und Unsterblichkeit, die Beide ohne einander nicht gedacht werden können, Gegenstände des Glaubens. Woher der Ursprung, woher die uns belebende Gewißheit und Ueberzeugung dieses Glaubens? Suchen wir dies auf dem Wege der Beobachtung und Erfahrung. — Betrachten wir die Natur und in ihr den Menschen, so finden wir überall in ihr das Gesetz des Egoistischen herrschend.*) Jedes Wesen, jedes Geschöpf sucht seine Existenz und sogar seine ihn befriedigende Existenz auf Kosten der anderen. Die ganze Natur ist in einem immerwahrenden Kampfe begriffen, welcher Kampf eben aus dem egoistischen Bestreben des Einzelwesens entsteht. Zumal der Mensch. Bei ihm kommt noch der Verstand mit sammtlichen intellektuellen Fähigkeiten dazu, die ihm nicht allein neue Mittel zu seinem egoistischen Streben bieten, sondern um so nothwendiger für ihn werden, da ihm intensivere und extensivere Kampfe aus der Gesellschaft entsprießen. So ist dem Menschen, obgleich er Herr der Schöpfung zu sein scheint und auch gewissermaßen ist, die ganze Schöpfung Feind, Himmel und Erde bedrohen seine Existenz — denn sie folgen ja alle dem nothwendigen Egoismus und in der menschlichen Gesellschaft lebt er gar zmter seinen Feinden, denn Einer will und muß den Andern beschranken und dies geschieht nicht blos mit Anwendung der List, der Gewalt und aller dergleichen unedlen Mittel, sondern es liegt ja auch in uns Allen das Streben, unseren Nebenmenschen *) Vgl. den Leitartikel des Redakt. d. Ztg. „Natur und positive Religion, ein Gesprächs im vor. Jahrgang d. Ztg. durch größere Geistesbildung, durch besseres Wissen, durch kräftigeres Wollen und Können zu übertreffen. Der Egoismus ist somit das Gesetz der Natur, ohne welchen sie nicht bestehen könnte, auf dem Untergang ist das Bestehen gegründet. Lebt aber denn kein anderes Prinzip in dem Menschen, dem erstgeborenen Sohne der Schöpfung, als dieses Naturgesetz? Schauen wir uns um! Da siehst Du jene Mutter, die mit Gefahr ihres Lebens nicht allein ihr Kind vor großer Gefahr zu retten im Stande ist, sondern auch der Aufopferung aller Genüsse für dies Kind fähig, mit dieser Aufopferung, mit unvergleichlicher Hingebung für dasselbe sorgt, strebt, schafft, leidet, fürchtet, hofft u. s. w. und es ist nicht die bloße thierische Mutterliebe, die das Junge doch nach einiger Zeit verläßt, nachdem der Naturzweck erfüllt ist, und daher keine Liebe ist, sondern die menschliche Mutter hegt ihre Gefühle bis zum Grabe und ihre Sehnsucht geht über das Grab hinaus. — Da siehst du den Vater und Gatten, ein unauflösliches Band knüpft ihn an die Geliebte, nicht blos der thierische Trieb, denn der geht vorüber und dauert nur wenige Jahre, aber er ringt und strebt für Weib und Kind mit Selbstaufopferung: ja, in dieser Geschlechtsliebe, dieser wundervollen Mischung von thierischem Triebe und von ausschließlicher Hochschatzung des Sittlichen in dem anziehenden Gegenstände wird unverkennbar das Thierische durch das Sittliche gemeistert und oft werden wir, die Menschen, die je diese Liebe fühlten, noch in späteren Jahren, wo schon das jugendlich Abkreisende dem ruhigen Walten des Verstandes Platz gemacht, bekennen hören, daß solch eine Liebe sie veredelte, daß sie der Wendepunkt war, wo der Geist von dem Irdischen und Gemeinen zu dem Himmlischen emporgehoben, wo der todte Glaube an Gott und Unsterblichkeit zum lebendigen wurde. — Da siehst du den Freund, er giebt sein Leben hin für die Rettung des Freundes, er opfert alle Gemächlichkeit, alle Ruhe, ihn aus Banden der Sorge, des Mißgeschickes, aus Kerkermauern zu befreien, — da siehst du den Begeisterten für's Vaterland, den Begeisterten für's allgemeine Wohl, für die Menschheit, den Begeisterten—für Ideen. Sie Alle sind der größten Opfer ihres leiblichen Wohlseins fähig, sie Alle können ihre Existenz hingeben für den Gegenstand ihrer Liebe. Hier haben wir also ein ganz anderes Prinzip, ein dem Naturprinzip gerade entgegengesetztes; wenn dort der Egoismus die Nothwendigkeit war, so ist es hier Aufopferung des Egoistischen, Tödtung des Selbstischen, so ist es hier mit einem Worte die