Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1851)
- Date
- 1851-08-25
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Pflegerin des Aberglaubens. Man hätte Recht, wenn man damit verstünde, daß durch die Stellung des Weibes dieses den überkommenen Aberglauben fortzupflanzen wirksamer sei. Aber man hat sehr Unrecht, wenn man darunter versteht, daß das Weib überhaupt geneigter sei, den Aberglauben festzuhalten, daß es schwerer sich davon losreiße. Meine Erfahrung hat mir das Gegentheil gezeigt. Ich habe stets beobachtet, daß das Weib, wenn es einmal Etwas als unwahr erkannt hat, sich schnell und ganz davon lossagt, ja Ln das Gegentheil verfallt, wahrend der Mann es innerlich noch festhalt und als Gewohnheit nicht aufgiebt, und wenn sein Verstand ihm noch so sehr zuruft: es ist Unsinn!... Ja, ich scheue mich nicht zu behaupten, daß es bei Weitem mehr ungläubige Frauen als Männer giebt. Es giebt eine Anzahl Männer, die sich ihren Unglauben in ein System bringen — aber es giebt Ln unsrer Zeit zahllose Frauen, die zwar keinen systematischen Unglauben haben, deren ganze Denk- und Gesinnungsweise aber ungläubig ist, die sich mit so gar keiner Ueberzeugung begnügen, daß dies bei Lichte betrachtet Unglauben, wenigstens Nichtglauben ist. Dagegen giebt es wenige Männer, die nicht in gewissem Maße ihre Ueberzeugung seststellen und abrunden, und bei völliger Leichtfertigkeit doch immer noch ein Maß des Ueberkommenen, Einerzogenen bewahren, das für eine Ueberzeugung gelten kann, und bei Gelegenheit als Solche hervortritt. Allerdings ist das Weib berufen, als vorzügliche Pflegerin des frommen, religiösen Sinnes thätig zu sein. Der Mutter gehört vorzugsweise die Erziehung der zarten Kindlein; die Hausfrau flößt vorzugsweise dem ganzen Hauswesen den Geist und die Richtung ein; die Gattin übt auf den Mann, dessen Herz sie füllt, den wesentlichsten Einfluß aus. Während der Mann um die Bedürfnisse des Lebens, um seine Stellung und Wirksamkeit in der Welt zu kämpfen und zu sorgen hat, während er in der Mitte der Seinen eigentlich nur die Stunden der Muße und Abgespanntheit zubringt; ist die Frau das belebende Prinzip, das Regens des ganzen Hauses. Was hat aber das Judenthum für das Weib gethan, um es zu diesem hohen, heiligen Berufe geschickt zu machen, um es zu befähigen, nicht btos Leben, sondern auch Erkenntniß zu geben, das Haus zu einem Heiligthum des Herrn zu machen, den Oelbaum der HerzeNsfrömmigkeit zu pflanzen, zu pflegen und nicht verdorren zu lassen? Schon der Talmud verwarf, dem Weibe zu viele Kenntnisse, zu viele Erkenntnisse (Nlin) beizubringen; das rabbinische Judenthum begnügte sich, daß die Tochter von der Mutter die Aeremonialgesetze, namentlich bei der Zubereitung der Speisen, erlerne oder absehe, und außerdem das hebräische Gebetbuch lesen und aufschlagen könne — das war der religiöse Unterricht, und ein hierin recht bewandertes Weib war schon — eine Gelehrte. Nun vergesse man nicht, daß Jahrhunderte lang in der Synagoge höchstens eine Drascha gehalten wurde, von der die weiblichen Zuhörer keinen Laut verstanden, um einzusehen, daß, was die jüdischen Frauen an religiösen Ideen hatten, sie nur aus dem Leben, aus dem Munde der Männer zufällig geschöpft hatten, und ach! das war meist verkehrt genug!... Spater, als schon andere Bedürfnisse erwachten, machte man es sich im Judenthume noch bequemer mit dem weiblichen Geschlecht; während die jungen Mädchen kaum noch hebräisch lesen lernten, während sie, die mit Klavier, Französisch, Tanzen u. s. w. so sehr beschäftigt waren, für den Unterricht der Mutter im Zeremoniale natürlich keine Zeit batten, wenn sie ihn nicht gar verachteten — überließ man es der christlichen Schule, den Büchern u. dgt. ihnen religiöse Ideen zu verschaffen. Die waren denn auch danach; denn da sie im Hause und in ihren sonstigen Umgebungen doch auch nur die Verneinung der christlichen Dogmen erfuhren, so waren sie bald an der Grenzlinie aller positiven Religion angekommen — am Nichts — und die Flur der Religion verschwand im Nebel, der aus den Sümpfen des Lebens aufsteigt.... Wie? und die Alten schieben es den Paar modernen Rabbinen und Predigern in die Schuhe, daß alle Religiosität schwindet? Ihr Alten und Eure Rabbinen seid Schuld — Ihr habet das schönste, fruchtbarste Terran der Religion verloren gehen lassen, indem Ihr wie der vom Jäger verfolgte Strauß den Kopf in den Sand stecktet, um den Jager nicht zu sehen, und die Hände in unendlicher Trägheit in den Schooß legtet. Jetzt klagt man, jetzt fordert man Abhilfe über Nacht, jetzt sollen die jüngeren Arbeiter im Weinberg des Herrn mit Einem Male Alles wieder stabil, konkret machen, die verödeten Gotteshäuser füllen, die Jugend mit jüdisch-religiösem Wissen füllen, die Gewölbe am Sabbat schließenwehe, Ihr habt uns ein schlimmes Erbe hinterlassen, und wenn wir den steinigen und versandeten Acker von den Steinen und vom Sande befreien sollen — wie viele vergebliche Tropfen Schweißes — mindestens Zeit, viele Zeit gehört dazu....