Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1851)
- Date
- 1851-08-18
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
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403 richtungen schon das Besondere gewahr wurde und von den Eltern sattsam erfuhr, viel weniger oder gar nicht ist dies im Hause und bei der Erziehung der Neueren der Fall. Welches traurige Zerwürfniß ruft ihr aber Ln der jungen Brust hervor, wenn ihr ihnen so sorgfältig ihren Namen verheimlicht und ihre Stellung bemäntelt, es wird und muß glauben, daß, wie ihr euch derselben schämet, ihr euch auch derselben zu schämen habet, und nun schließet selbst, wie nachtheilig es für die Kinderseele sein muß, wenn fie zum Bewußtsein — und je dunkler dies in der Kinderzeit noch ist, desto scharfer wird der Eindruck sein — gelangt, daß die Eltern sich vor der Welt über Etwas zu schämen haben, daß sie der Welt Etwas verheimlichen wollen, woran sie selbst alle Tage gemahnt werden. Hier bekommt die Ehrfurcht vor den Ettern — dieser Grundpfeiler des häuslichen und Fami- Lienwohts, den ersten Stoß und da ihr es versäumt, das Kind mit seiner Stellung zu versöhnen, so wird entweder eine Bitterkeit gegen die ganze Welt oder eine gründliche Verachtung der Juden und des Judenthums, des eignen Stammes und der eignen Religion, diejenigen Momente, die den Stolz und das Glück eines jeden Stammes, ja eines jeden edeln Menschen machen, nothwendig resultiren müssen. Wir brauchen uns nur wenig umzusehen, um das Gesagte in vielen jüdischen Familien der Neuzeit bestätigt zu finden. Wenn früher der Haß gegen die ganze äußere Welt und ihre Gesellschaft durch die Anfeindungen, welche schon das Kind von Seiten seiner Genossen trafen, frühzeitig entstand und reichlich diese in der Brust zu vergelten suchte, der Haß, der um so mehr glimmte und glühete, je mehr er unterdrückt werden mußte und der später nur der Verachtung der Peiniger Raum machte, so wendet sich jetzt die Verachtung zuerst gegen den eignen Stamm, den das zarte Kind noch mehr von den eignen Eltern als von der Welt zurückgesetzt sieht, und die Verachtung geht in Haß dieses Stammes über, da keine äußere Macht, selbst nicht die Taufe, davon befreien kann, oder wird im glücklichsten Falle zur völligen Gleichgiltigkeit. Da gehen also dem jungen Leben schon früh alle geistigen Elemente ab, die ein freies und frisches Gemüthsleben zu erwecken und nähren vermöchten, da kann also von einer religiösen, das ganze Leben mit dem Hauche des Glaubens an eine göttliche Fürsehung erquickenden Bildung, da kann selbst von einer moralischen, auf der Liebe beruhenden Bildung gar nicht die Rede sein, so rationell und pädagogisch ihr auch zu erziehen glaubt — indem ihr den ersten Zwiespalt in der Kinderseele nicht mit dem heilenden Balsam der Wahrheit bedecktet und heiltet, habt ihr nur den Riß mit der ganzen Welt, mit Gott und der Menschheit, größer werden lassen, der dann das ganze Leben zerklüftet, wenn nicht die gütige Hand Gottes oft durch die Gnade seiner Schickungen und durch ein gnadenreiches Aufgehen der Wahrheit in der jungen Brust, oder oft erst spät im alten Menschen, eure Fehler wieder gut macht, wie er so viele unserer Fehler gut macht, gerade da, wo wir recht weise und klug gehandelt zu haben glauben. Es sei deshalb unsere erste Aufgabe bei der religiösen Erziehung unserer Kinder, der Wahrheit die Ehre zu geben, ja uns dieser Wahrheit zu freuen. Wir wollen daher nicht abwarten, bis der Haß die Kinder erinnert, daß sie Juden sind, sondern die Liebe, die elterliche Liebe soll es ihnen, wo möglich zuerst, eröffnen. Daher werde vor Allem den Kindern in's Bewußtsein gebracht und man wende nicht ein: ach, sie Werdens noch zeitig genug erfahren — denn diese eigne Erfahrung ist, wie wir gesehen, nicht ohne Bitterkeit und großen Nachtheil — es werde ihnen gesagt: ja, ihr seid Juden, ihr gehört einem andern Stamme an, der in grauer Vorzeit hier eingewandert, hierher zerstreut worden, der aber den Haß nicht verdient, der vielmehr: Gott und die Liebe in seinem Panier trug und trägt, es muß ihnen gelehrt oder vielmehr thatsächlich bewiesen werden, daß jeder Verachtung, jedem Ausbruche des Hasses nur mit Liebe zu begegnen sei, daß dies eben jisraelitische Liebe sei. Es kann und soll aber dies Bewußtsein nicht anders geweckt werden, als in Begleitung mit einem Gefühle des Stolzes auf den jiscaelitischen Beruf. Es versteht sich von selbst, daß wir hierunter nicht den auf eitler Einbildung beruhenden, sich blähenden und unduldsamen Stolz meinen, wol aber können wir einer Art Nationalstolz nicht entbehren, je mehr gerade die unverdiente Verachtung von jeher den Israeliten getroffen hat; der auf wirkliche Vorzüge beruhende Stammesstolz muß hier als nothwendiger Gegensatz in die Erziehung eingeführt werden. So kann also die israelitische Erziehung nur auf historischem Boden erwachsen und gewinnt dadurch etwas Eigenthümliches und Auszeichnendes, eine höchst reelle Basis, denn Religion und Geschichte sind im Judenthum eng verwachsen und können nun und nimmermehr auseinander gerissen werden. So sehr ihr im Kinde die Vaterlandsliebe zu erwecken und zu nähren, so kräftig ihr es auf die Vorzüge des speziellen Vaterlandes aufmerksam zu machen habet, und es zum Bürger dieses Vater-