Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1851)
- Date
- 1851-08-18
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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401 Stammes lieget der religiöse Charakter als ein felsenfester Ankergrund. Nur die rechte Sonne soll darauf scheinen, und der rechte Thau darauf fallen, und die vollen Blüten der Herzensfrömmigkeit werden immer hervorschießen. Im Geiste des jüdischen Stammes lieget genetisch die Religiosität, und darum kann sie ihm nicht verloren gehen; und darum muß sie immer wieder in ihm erwachen. Weiset daher nur auf die moderne Philosophie, weiset auf die moderne Kultur, welche hohnlachen über Religiosität, Gottglauben, Unsterblichkeit — „es ist Alles schon dagewesen!" Eure Philosophie und Eure Kultur sind die nothwevdigen Phasen eines Kreislaufes, wie die antike Philosophie und Kultur sie ebenfalls aufgewiesen (leset den Sextus Empiricus!), aber der israelitische Gottglauben überdauerte sie, und setzte seine Lebensarbeit ungeschwächt fort, als jene schon zu vergilbten Pergamentblättern geworden waren. Soll eine Zeit der religiösen Innerlichkeit, jetzt einer Innerlichkeit, wie sie geklärt ist durch Wissenschaft, Geschmack, Kultur, kommen: so bedarf es allerdings der Weckungsmittel, und hinwiederum auch keiner. Erbaulicher Gottesdienst, Predigt, Religionsschule und Literatur sind in unserer Zeit höchst brauchbare und zweckmäßige Weckungsmittel. Es thut dabei allein noth, daß die Prediger, Lehrer und Schriftsteller selbst vom rechten Geiste beseelt sind, jegliches Schwanken und jene naive Nichtwifferei, um was es sich eigentlich handelt, abgethan haben. Aber mehr noch muß der Hauch, das Wehen des frömmern Geistes über das Land gehen und die Herzen erfüllen wie von selbst. Woher Solches stammt und kommt? Einfach. Wenn die Geister sich unbefriedigt fühlen, wenn nach einer langem Zeit emsigen Forschens und Strebens die Herzen sich leer und unerfüllt finden, wenn zugleich ein ernsteres Geschick durch die Menschheit geht und die Täuschung und die Erfolglosigkeit alles blos irdischen und menschlichen Strebens in großen Wahrzeichen zu erkennen giebt, wenn der Mensch eine längere Zeit sich auf sich selbst zu stellen gesucht hat, und ist heruntergestürzt von diesem Piedestal und im Staube zertrümmert — — dann, dann weht ein Hauch tiefem, religiösen Geistes über das Land und erfüllet die Herzen wie von selbst. Dann ist die Zeit gekommen, wo das Herz zu sich selbsten spricht: „kehre einwärts, geh' nach innen!"... Ueber jüdische Erziehung. Von Uri. (Fortsetzung.) Nicht also denjenigen werden wir folgen, welche das religiöse Element ganz aus der Erziehung verbannen wollen, oder denen, welche die religiösen Begriffe und den Gottesglauben in der Erziehung vernachlässigen und dem Zufälle, den Ereignissen und Schicksalen des Lebens diesen Gottesglauben und die Gotteserkenntniß überlasten, wollen wir folgen, auch nicht denen, die ihn Lediglich auf der Gewöhnung an das Zeremonielle, an die religiösen Uebungen zu gründen suchen. Wir betrachten das religiöse Element als das wichtigste für die ganze Erziehung, die von ihm ganz und gar getragen und gehoben werden soll, denn nur die Religion macht den Menschen erst zum wahren Menschen und ohne Gott ist er nur das Thier, Ln dem der Verstand zur Entwickelung eines größern Egoismus dient. Wir haben aber hier nicht die religiöse Erziehung im Allgemeinen Ln Betracht zu nehmen, sondern widmen unsere Aufmerksamkeit der israelitisch-religiösen Beziehung insbesondere nach dem jetzigen wissenschaftlichen Standpunkte des Judenthums und den reellen Zuständen der Judenheit in der Gegenwart. Wir stellen da einen allgemeinen Grundsatz an die Spitze, der durch und durch die religiöse Erziehung des jüdischen Kindes leiten muß und der ist: Erziehe das Kind in und zum jüdischen Bewußtsein. Worin besteht dieses? Es besteht lediglich, wenn wir Alles davon absondern, oder vielmehr Alles ist darin enthalten und bezieht sich daraus: in dem Glauben an Gott und in dem Erkennen des jüdischen Berufes. Beide müssen bei der Erziehung Hand Ln Hand gehen, sich gegenseitig unterstützen, denn sie sind für den Juden unzertrennlich verbunden. Das Erkennen des jüdischen Berufes geht sogar gewissermaßen oft dem Glauben an Gott, wenn auch dunkel, aber durch die Verhältnisse herbeigeführt, voran, denn gar bald wird das jüdische Kind seine Ausnahmsstellung in der Gesellschaft gewahr, so viel auch Leben und Gesetz ausgeglichen haben. Saget ihr es dem Kinde nicht, daß seine Eltern Juden seien, so hört es dies alsbald von eueren Dienstleuten, in der Schule von den Lehrern und Mitschülern und wenn von allen diesen nicht, auf der Straße von Gassenjungen und vom Pöbel. Bei der orthodoxen Erziehung trat das Kind schon mit dem Bewußtsein, Jude zu sein, an die Außenwelt seines Hauses, in welchem es in allen Ein-