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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-08-18 · Heft 34 (18.8.1851) · p. Seite 400

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 34 (18.8.1851)
Date
1851-08-18
Page
Seite 400 (sequence 4)
Language
German
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400 Aber auch die Reformstage kann nicht mehr das wesentliche Element der Zeit sein. Auch sie ist entschieden. Das allgewaltige Leben hat entschieden über diese Frage in ihrer Wesentlichkeit. Jedes Haus eines Israeliten giebt davon Zeugniß; denn auch auf diesem Gebiete ist der erste Schritt der eigentliche Schritt. Wie sich die Individuen dazu verhalten, wie sich die Gemeinden damit abfinden, wie sich die historischen Elemente erhalten und mit der Zeit setzen — alles dies arbeitet sich im Laust der Zeit durch. Die Kräfte, die Anstrengungen, die sich immer mehr darauf richten, werden auch ein Ziel mit bestimmter Gestaltung erreichen. Aber was das wesentliche Ziel der bevorstehenden Zeit im Judenrhume sein muß, das ist „nicht blos vorwärts, sondern einwärts!^... So tief auch die Gleichstellung innerlich greift, ihr eigentlicher Inhalt ist die äußere, die gesellschaftliche Stellung; so viele Faden die Reformstage an die innerste Ueberzeugung knüpfen, sie ist eine Form frage.... Aber es ist Zeit, nunmehr auf die Wesenheit zu sehen, zu wirken, zu streben, es ist Zeit, daß Israel wieder religiöser, wieder innerlicher, wieder begeisterter, durchdrungener von des geoffenbarten Gottes Lehre und Wort werde!... Die Geschichte verläuft in großen Zeitperioden, die ihre verschiedenen Charaktere haben. Nicht Ein, nicht Einige Menschen machen diese, sondern Viele, endlich Alle. Es war keine Zeit derAeußerlichkeit, aus der die talmudischen und rabbinischen Satzungen flössen; sondern tief aus dem erregtesten, religiösen Geiste, Schöpfungen, die zwar das äußere Leben betrafen, aber nur vom innerlichsten religiösen Drange hervorgebracht wurden. Es war keine Zeit der bloßen Schönrednerei, aus welcher die vielen, oft so glühenden Partieen des Gebetbuches in Folio entstanden; sondern des wärmsten und umfassendsten religiösen Herzens. Stellt Euch doch die Juden des Mittelalters nicht wie die Juden des 16ten bis 18ten Jahrhunderts vor! Die Zeit der zahllosen jüdischen Märtyrer war auch eine Zeit religiösen Enthusiasmus. Hierauf kam eine andere Zeit, das war die der Aeußerlichkeit; zuerst die des nüchternen religiösen Formlebens, wo der Jude Nichts weiter kannte und hatte als das Formleben, vom 16ten bis 18ten Jahrhundert (einschließlich); die religiöse Zeremonie war ihm Alles, sein Wissen, sein Denken, sein Forschen, sein Thun; dann die neuere Zeit, welche tief innen bewegt, doch nur mit den beiden äußerlichen Momenten, der Gleichberechtigung und der Reform, zu schaffen hatte. Aber im Grunde derselben kann nur eine neue Zeit sich vorbereitet haben, und diese Zeit muß kommen, diese Zeit muß die bevorstehende sein, muß durch die bevorstehende Zeit herbeigeführt werden: eine Zeit des Einwärts/ eine Zeit der religiösen Innerlichkeit! Eine lange Zeit hatte der Jude nur das Wort „Vorwärts!^ zu hören. Es mußte seine Parole sein. Er war zu lang zurückgeblieben, in Allem zurückgeblieben, bis auf seine Sprache und seine Geberden, als daß er nicht immerfort angespornt, ermuntert, geleitet, gefördert werden mußte. Es war gut, daß man ihm Nichts weiter als „Vorwärts!" zurief. Aber er ist nun genug vorwärts, um nicht allein weiter vorwärts zu gehen, wie alle Menschen. Es ist jetzt ein Anderes noch, das heißt: „Einwärts! Nach innen!" In der Aufrichtigkeit, die unsere Pflicht ist, sagen wir: der Jude ist jetzt sehr oberflächlich religiös. Es ist dies leicht zu erklären. Nachdem er die religiösen Zeremonkeen lange Zeit nur aus Gewohnheit, ohne daß sein Geist und Herz darin lebten, lange Zeit nur aus Pietät oder Furcht oder Konvenienz geübt hat, konnte es nicht anders werden, als daß ein sehr oberflächlicher religiöser Geist in ihm ist. Giebt es jetzt nicht zahllose Juden, welche die heil. Schrift gar nicht kennen? nicht im Text, nicht in der Uebersetzung? Wie viele jüdische Familien giebt es, in denen nicht einmal eine Bibel vorhanden ist? und wenn schon diese, da sie sie nicht verstehen, wo eine gute Uebertragung? und wie oft wird sie zur Hand genommen und der religiöse Geist durch sie genährt? und in wie vielen die Autorität der heil. Schrift unerschüttert angenommen und in die Seelen der Jugend verpflanzt? In wie vielen Familien herrscht die Achtung noch vor religiöser Uebung, sei es in öffentlicher, sei es in häuslicher Gottesverehrung? In wie vielen Herzen schlägt die ganze, innige, hingegebene Gottgläubigkeit, (nicht die pietistische Geheimnißglauberei, nicht der muckerhaste Gnadendurchbruch— sondern) der einfache, kerngesunde, israelitische Gottglauben mit unerschütterlicher Zuversicht auf die göttliche Vorsehung und das Leben jenseits des Grabes, mit großer Liebe und unerschöpflicher non my>m?... Aber sei es, daß die Entwickelung der Zeit solche religiöse Oberflächlichkeit im Juden gefördert und zu Tage gebracht hat — tief in der Natur dieses unvermischten

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