Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-08-11 · Heft 33 (11.8.1851) · p. Seite 387

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 33 (11.8.1851)
Date
1851-08-11
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225714-3225748--11894-3242032
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

387 neuen Aufbau vorzunehmen, da keine Materialien vorhanden, da ihm von Jugend auf keine zugeführt worden sind, die er brauchen könnte. Während wir oft bei denen, welche freier erzogen worden sind, wenigstens ein äußeres Festhalten an der Judenheit, wenn auch nicht am Judenthume gewahr werden, verlassen beide sehr oft gerade diejenigen, die im strengsten Zeremoniell erzogen worden. Es findet einmal die religiöse Häuslichkeit des mittelalterlichen Judenthums im Leben keine Anhaltepunkte mehr, denn, man vergesse doch auch dies nicht, auch die ganze alte jüdische Zucht in der Gemeinde ist verloren gegangen, hat aufgehört. Es waren sonst wenige altjüdische Mitglieder in einer kleinen Gemeinde im Stande, alle übrigen in Ordnung zu halten. Man genirte sich vor ihnen, man scheuete sich, ihnen Anstoß zu geben. Die Alten, die Großvater aber sterben aus und überhaupt genirt sich der neuere Mensch nicht mehr so ängstlich und — es ist dies ein Vorzug der Zeit — er will persönliche Freiheit, er will nach seiner Ueberzeugung leben. So ist Vieles seit Jahrzehenden schon weiter Nichts als Konvenienz gewesen, es wird jetzt aber anders, denn das blos Konventionelle halt sich nicht mehr, so hatte Vieles noch, ehe es verschwindet, lange einen Nimbus des Ehrwürdigen, Nimbus hält sich aber nie auf die Dauer. Ihr erziehet eure Söhne streng orthodox, und ihr habt sie ja noch nicht aus dem Hause gegeben und die Konflikte sind da. Sie besuchen Schulen und Gymnasien, sollen sie am Sabbat zu Hause bleiben oder sollen sie auch nur nicht schreiben und lässig sitzen und den darob verdrießlichen Lehrer ansehen, wenn die Federn ihrer Mitschüler sich hurtig bewegen und von allen Bänken das Gekritzel ertönt? Ihr gebt sie in's Komtoir, in die Handlung, ihr lasset sie Handwerker, Apotheker, Künstler werden. Sollen Sie Sonnabend und Sonntag den Laden, die Werkstatt, das Laboratorium verlassen? Soll gar der künftige Apotheker die Rezepte fortschicken, der Jurist die Session absagen, die Termine abbestellen? Ja, wer weiß nicht, wie vielen Schaden schon in der Handlung das Schließen der Gewölbe an Sabbat, Fest- und Trauertagen bringt, wie viel Wohlstand dadurch schon zu Grunde gegangen. Wollet ihr solche schwere Aufgaben erst dem Leben überlassen, solchen Kämpfen eure Jünger preisgeben? Und wie lange werden sich denn überhaupt noch die altjüdischen Institutionen in den Gemeinden, namentlich in den kleineren erhalten. Sollen diese, vielleicht einiger Wenigen wegen, denen oft das Beisteuern unmöglich oder gar unbequem ist, ein Kellerbad bauen, in welches Niemand mehr geht, einen Betsaal erhalten, wo Wenige Erbauung finden, Schächter, Kantor und was noch ernähren, die ein müßiges Dasein führen? Was sollen denn auf Dörfer und kleine Ortschaften zerstreute einzelne Juden anfangen, wenn sie ihr Fleisch u. dergl. sieben Meilen weit herbeziehen müssen? Wir übergehen hundert und abermals hundert andere Konflikte., welche die neuere Gestaltung des Verkehrs, überhaupt der Geselligkeit, mit dem altgläubigen Judenthum mit sich führt, Konflikte, bei denen es keine Frage bleibt, wer im Allgemeinen am Ende unterliegen muß, wer aufgerieben wird, ob das moderne Bewußtsein oder ein in diesem Bewußtsein nicht allein keinen Stützpunkt, sondern einen Gegner findendes Institut. So arbeitet Alles an dem Ruin dieses Alterthums, im Osten sind es die Ukase des Czars, im Westen die weit auflösenderen Vehikel der neuern Bildung, Gesittung, Anschauung, Gesellschaft u. s. w. Aber diese zersetzenden und auftösenden Vehikel geben auch wieder Mittel ab zu einer neuen Formbildung, welche durchhaucht von dem Geiste des Judenthums und vom klassischen Geschmacks wieder die Freude und Erquickung des Juden werden können, welche Lehre und Leben in Einklang zu bringen vermögen, welche ein israelitisches Bewußtsein schaffen und heben sollen, welche das Substrat der religiösen Erziehung abgeben, welche unseren unterdrückten Brüdern im Osten von uns dargereichl werden können mit dem Tröste: Sehet, man nimmt euch nur Formen, nicht das Wesen, gebet jene willig und lachend der Gewalt hin — bei uns hat sie ja eine ganz andere Gewalt zerstört — und erkennet das Wesen, das ewig neue Formen gebiert. So bekommen wir auch hier von den extremen Parteien zwar die bestimmtesten Antworten, aber gerade die wenig brauchbarsten. Nur die äußerste Rechte und äußerste Linke kann dir wol angeben, was sie will, aber zwischen Beiden geht das wirkliche Leben hindurch und schafft und waltet und gestaltet. Die Erziehung, auch die religiöse, arbeitet für das Leben, sie kann sich auf strenge Durchführung eines Prinzips nicht einlassen, sie muß aber nach Grundsätzen handeln, welche eine praktische Verwirklichung möglich*machen. Gehen wir weiter darauf ein. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.