Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1851)
- Date
- 1851-08-04
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Nenne mir, nenne die Zeit — denn sieh, die Geschlechter vergingen, Hundert Geschlechter, und die GeWechter vergehen, Und die Herzen verzagten längstens, daß niemals Komme die Zeit, und niemals die fröhliche Rückkehr, Und der Sieg komme niemals! Sieh, ich beuge mich nieder, ob glühender Sand mich versenge, Neige mein Ohr zur murmelnden Welle hinab, Lausche und lausche: nenne die Zeit mir, oJarden!- „Wer nicht zu harren vermag, bis zum Ende zu harren, Ja, dem kommet sie niemals!" Leitender Artikel. Franzensbad, 24. Juli. Die Aufgabe unserer Zeit im Ju-enthume. Der berühmte Rechtsgelehrte v. Savigny hat bekanntlich unserer Gegenwart den gesetzgeberischen Beruf, die Fähigkeit, dauernde Gesetze aufzustellen, abgesprochen. Zufällig ist derselbe spater lange Zeit Minister der Gesetzgebung in Preußen gewesen. Allein das ist mehr Ironie des Schicksals als Widerspruch. Wir gestehen offen, wir sind völlig der Meinung des preußischen Professors und Ministers. Verstehen wir nämlich unter Gesetzgebung die Aussprache von, tief aus dem Volks- und Zeitleben entsprungenen und herausgebildeten Gewohnheiten und Sitten als Gesetze, die daher dem Charakter des Volks und der Zeit völlig entsprechen, und darum das, woraus sie entsprangen, nun auch langhin beherrschen und weitergestalten in einer fortlaufend dieselbe Richtung verfolgenden Bahn — so glaube ify nicht, daß unsere Zeit dazu berufen ist. Ja, Gesetze werden in Uebermaß gegeben; sie sind aber zusammengewürfelt aus allen Zeiten, sie sind Kinder des Augenblicks, sie sind Versuche, Experimente, zu denen keine Nothwendigkeik drangt, sie sind beständigem Wechsel unterworfen; kaum gegeben, wünscht man sie anders, erkennt man sie als lückenhaft, als zum Theil undurchführbar. Exempla sunt odiosa, aber wir erleben's alle Tage. So hörten wir denn auch auf unserm Gebiete öfter einen Stoßseufzer, eine Erwartung auf ein neues konkretes Judenthum, auf eine bestimmte Gestalt, die das Judenthum annehmen solle. Wahre Freunde des Judenthums, wenn sie von Tag zu Tag in Gottesdienst und Haus einen Stein nach dem andern aus dem alten Judenthume herausfallen und zerbröckeln sehen, sagen: „nun gut, was soll daraus werden? wir geben zu, daß das Judenthum nicht das alte bleiben kann, denn es bleibt es nicht; aber Etwas muß es doch sein, irgend Etwas muß in ihm gelten, sonst verflüchtigt es sich zu einem Nichts! Also leget die Hand an, und schaffet eine neue bestimmte Form des Judenthüms, damit man endlich wiffe, woran man sich halten solle!" Diese Erwartung, dieser Wunsch, wie er bei manchen innigen und warmen Anhängern des Judenthums lebendig ist, ist unerfüllbar. Nicht etwa nur keine neue heilige Schrift, nein, auch keinen neuen Talmud, keinen neuen Schulchan Aruch, und sollte er nur zween Blätter fassen, können wir machen. Unsere Zeit hat dazu keinen Beruf, keim Fähigkeit. Wer soll ihn machen? Wer soll die neue konkrete Form schaffen? Und trete Einer, und treten zehn, und treten dreißig auf, und vereinigten sich darüber — wo fanden sie Folge? wo Eintracht nur zwischen fünf Gemeinden und zwischen fünf Juden, um sie dazu zu vereinigen? Aber es fehlt auch völlig an Originalität hierzu; man würde immer nur aus den alten Trümmern wählen, und da wird Jener dies, der Andere jenes Stück wählen und behalten wollen — und ja, darin besteht ja der ganze Streit. Vergeffen wir nicht, um eine neue Schöpfung hervorzubringen, dazu gehört eine Zeit, die von irgend einem Interesse durch und durch erfüllt, begeistert, hingerissen ist. Der Zeit innerstes Lebensmark muß in diesem Einen besteben, und alle Zeiger an der Uhr der Zeit dahin weisen. Dann ist eine neue Schöpfung möglich, nein! dann wird sie gar nicht ausbleiben.... Aber findet dies für die Religion in unserer Gegenwart statt? Und was ist denn der Beruf unserer Zeit imJudenthume? Er ist trotzdem ein hoher und bedeutender, den ich als einen zwiefachen bezeichnen mag. Erstens nämlich: den Inhalt des Judenthums, den Gedankenlnhalt^ die eigentliche Lehre desselben herauszustetten, zu bearbeiten, nach allen Richtungen und für alle Stufen, so wie in wissenschaftliche Form und zu wissenschaftlichem Bewußtsein zu bringen. Wir wissen, daß diese Arbeit bereits von den spanischen Juden (es versteht sich von selbst, nicht von diesen ausschließlich) begonnen, dann aber bis jetzt liegen gelassen wurde. Auch galt es damals mehr für wissenschaftlich Gebildete, während heute die strenge