Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1851)
- Date
- 1851-07-21
- Page
- Seite 357 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225714-3225745--11861-3241996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
357 zen an den frischen Grabeshügel, welcher die sterbliche Hülle eines theuern Freundes decket, und dennoch zieht es uns unwillkürlich hin und dennoch können wir nicht scheiden, ohne von ihm einen herzlichen Abschied genommen zu haben. Auch von Dir, verklärter Geist! müssen wir Abschied nehmen, Dein Leben auf Erden bildet nicht ein unbeschriebenes, leeres Blatt der Weltgeschichte, Du hast gelebt für Mit- und Nachwelt; gern zollen wir Dir die Thronen der Dankbarkeit. Joseph Johlson gehörte zu denjenigen edlen Männern, welche mit Selbstverleugnung die Kräfte ihres Daseins der Aufgabe weihen: ihre Zeitgenossen aus der geistigen Knechtschaft Egyptens in das gelobte Land der Erkentniß und der reinen Frömmigkeit zu führen und die vor den Mühseligkeiten nicht zurückschcecken, welche dieser Weg durch eine öde, dornige Wüste darbietet. Seine Kindheit — er war 1777 zu Fulda geboren — erblickte die Morgcnröthe unserer Hellern Gegenwart nur noch als einen matten Lichtstreifen am Himmel der Menschheit, doch ahnte er frühe in diesem schwachen Schimmer den heranbrechenden heitern Tag und fühlte es, daß dieser neue Tag auch die Befriedigung neuer Bedürfnisse verlange. Nachdem er bei seinem Vater, Rabbinalsverweser Joel zu Fulda, in den rabbinischen Wissenschaften sich heimisch gemacht halte, wanderte er nach Frankfurt a, M>, wo er Anfangs seinen Fleiß und seinen Scharfsinn der Fortsetzung dieses Studiums rabbinischer Literatur widmete, wo er aber auch bald, meistens angeregt durch die Schriften Mendelssohns, erkannte, daß der, namentlich durch die erste französische Revolution so schnell herbcigeführte, Umschwung aller staatlichen und bürgerlichen Verhältnisse auch die alte Stellung seiner Glaubensgenossen aus ihren verrosteten Angeln hob und daß das nun gestattete freie Eintreten der Juden in das europäische Leben auch eine europäische Bildung fordere. Solch eine europäische Bildung zu gewinnen und sie, so weit seine Kräfte reichten, unter seinen Glaubensgenossen zu verbreiten, betrachtete er als die Aufgabe seines Lebens. Durch Geistes¬ und Willenskraft gelang es ihm auch, ohne jemals eine Lehranstalt besucht zu haben, nach und nach einen großen Schatz von sprachlichen und philosophischen Kenntnissen sich anzueignen; schnell übersprang er die untersten Stufen der Schulwisscnschaften, und während er sich im Dekliniren der deutschen und lateinischen Sprache übte, las er gleichzeitig Kants Kritik der reinen Vernunft und zeigte das Beispiel, welches wir bei allen Autodidakten wiedersinben, wie das Genie des Gängelbandes eines systematischen Lehrganges spottet. In dem Studium der älteren und neueren Sprachen erklomm er bald eine solche Höhe, daß er am Lyzeum zu Kreuznach die Stelle eines Professors der hebräischen Sprache bekleiden konnte, welchen Wirkungskreis er aber 1813 verließ, als die israelitische Gemeinde zu Frankfurt a. M. ihm eine der Hauptstellen an dem damals begründet wordenen Philantropin übertrug. Diese Lehranstalt, die gegenwärtige Bürger- und Realschule der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M., bot seinem Geiste und seinem tief religiösen Gemüthe die erwünschte Gelegenheit, seine Glaubensgenossen für denjenigen Standpunkt heranzubilden, auf welchen sie durch genannten Umschwung der Verhältnisse, zu ihrer eigenen Ueberraschung, sich hingedrängt sahen. Hier führte er ein, die hebräische Sprache nach grammatikalischen Regeln zu lehren, zu welchem Zwecke er ein hebräisches Lesebuch verfaßte, und den Religionsunterricht nach einem systematischen Lehrgänge zu erthcilen, wozu er seinen „Unterricht in der mosaischen Religion" schrieb, von welchem Buche er 1839 eine vierte Ausgabe besorgen mußte, so wie überhaupt seine Schriften durch ihre Gediegenheit eine solche Anerkennung sich erwarben, daß genanntes Lehrbuch der Religion nebst dem dazu gehörigen zweiten Theile: „Israelitisches Gesangbuch" (dritte Ausgabe 1839) von der königlich würtembergischcn Regierung allen israelitischen Lehrern anempfohlen wurde. Verdankt demnach großen Theils ihm die israelitische Schule einen geordneten Religionsunterricht, so ist es nicht minder das israelitische Gotteshaus, welches ihn als einen Milbegründer der neuen israelitischen Predigt nennen muß. " Zwar hatte damals das Gotteshaus die Predigt noch nicht als einen Bestandtheil des Gottesdienstes ausgenommen und sie mußte sich Anfangs als eine Erbauung für die Schuljugend ankündigen, allein es war doch die von Johlson ins Lebe» gerufene, mit dem Philantropin verbundene „Andachtsstunde", aus welcher Predigt und Choralgesang den Weg in viele Gotteshäuser fanden. Siebenzehn Jahre lang wirkte ec als Lehrer an dieser trefflichen Schule anregend und fortbildend auf den geistigen Entwickelungsgang seiner Glaubensgenossen, und als er im Jahre 183» wegen seiner angegriffenen Gesundheit der Wirksamkeit eines Jugendlehrers entsagen mußte, widmete er seinem Berufe als Kanzelredner und besonders seiner Thätigkeit als Schriftsteller seine stets lebensfrische Muse. Seit diesem Zeitpunkte besorgte er die wiederholten Ausgaben seiner früheren Werke, verfaßte er eine hebräische Sprachlehre für Schulen, 1838, und ein bitlisch- 30*