Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1851)
- Date
- 1851-07-21
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
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350 treibt, Blüten treibt und Früchte reift. Außerhalb dieser Gottesidee liegen die Grenzen des Judenthums, andere Gebiete beginnen, in denen wir viele edle, herrliche Menschen erblicken, die wir achten und lieben, deren religiöse Meinungen aber uns nicht angehören, wenn sie auch uns entsprossen sind und auf den Inhalt unserer heiligen Urkunden sich stützen. Deswegen hatten rSk auch diese Einladung über die Grenzen nicht hier zu erwähnen brauchen, wo wir blos vom jüdischen Standpunkte aus zu reden haben, wenn wir nicht, wie sich weiter zeigen wird, hier alles das zu erwähnen hatten, was bestimmend und modisizirend auf die jüdisch-religiöse Erziehung einzuwirken sucht. Viel lachender, weil wenig fordernd, ist aber die Antwort des sogenannten freien Christen: „Komm du selbst und schicke deine Kinder in die freie Gemeinde/' Ist, sagt er, eure Form verlebt und ringet ihr nach neuer Gestaltung derselben, nun wo könnet ihr mehr Befriedigung finden als in der Freiheit unsers Bekenntnisses. Wir ehren eure alten Urkunden, denn sie enthalten neben vielem Unsinn viel Schönes und Ersprießliches — wer hatte sich nicht an den Psalmen Davids erbauet? — wir finden aber im Neuen Testament eine weit höhere und erhabnere Moral, die uns vor Allem empfiehlt, alle Menschen als Brüder, also auch euch, zu lieben. Da dasselbe, wie ihr saget und wie wir euch glauben wollen, das Judenrhum lehrt, so begegnen wir uns ja vollkommen und was die wenigen Zeremonien und kirchlichen Gebrauche betrifft, die wir noch beibehalten haben, so haben sie auch für uns wenig Bedeutung oder vielmehr wir deuten sie nach unserer Weise, wir behalten sie des Herkommens wegen und um nicht allzusehr anzustoßen, wenn auch unsere Prediger solcher Amtshandlungen wegen von der herrschenden Kirche vor Gericht gestellt und bestraft werden. Vereint euch also mit uns, denn wir streben nach Freiheit, dem Ziele des ganzen Jahrhunderts. — Die freie Gemeinde verwirft den wesentlichen Inhalt des Christenthums, die Lehre von der Gottheit Christi und Alles, was mit dieser Lehre in Verbindung steht, sie widerspricht somit den klaren Worten und Aussprüchen der evangelischen Bücher. Diese Negation theilt sie allerdings mit dem Judmthum, aber sie steht ihm deswegen doch ebenso fern als dem Christenthum. Es fehlt ihr zuerst aller historischer Boden, der gerade dem Judenthum seinen konservativen und dabei sich stets verjüngenden Charakter verleihet, so daß es bei verschiedenen äußeren konkreten Gestaltungen seinen Inhalt bewahren konnte. Die freie Gemeinde giebt den wesentlichen Inhalt des christlichen Glaubens auf und bauet daher auf losen Sand. Da sie keinen Inhalt hat, als nur das Moralgesetz, welches sie ebenso gut den alten Klassikern, als den Urkunden des Juden- und Christenthums entlehnen konnte, da sie nur Kritik ist und dieser daher bis zum Atheismus und Materialismus freies Feld lassen muß, so ist es um so mehr Widerspruch, wenn sie gerade an den Formen festhält und sich um christliche Formen (Taufe, Abendmahl, Feste), die nur eine willkürliche Bedeutung für sie haben, verfolgen laßt. Wollten wir Juden an den Formen festhalten und in diese unsere rationelle Deutung hineintragen, so ist gerade die uns überkommene rabbinische Form die allerbequemste, denn sie wurzelt im jüdischen Bewußtsein und ist aus der religiösen Idee des Judenthums heraus geschaffen worden, nicht aber sind uns Formen zu empfehlen, die aus einer Lehre hervorgcgangen und in einer Lehre baft'ren, die dem Inhalte des Judenthums entgegengesetzt ist. Wir wollen Formen ablegen, die für uns ihren Werth, die Erhebung des Geistes zur Gottesidee, verloren haben, und sollten welche annehmen, die diesen Werth nie für uns gehabt haben, die vielmehr einem ganz andern Kreise, einem ganz andern Jnhaw angehören und die von vorn herein uns ebenfalls als bedeutungslos erklärt werden. Hüten wir uns vor Allem vor der Lüge, denn sie ist der Tod aller Moral und aller Religiosität. *) Somit wäre außerhalb des Judenthums die Antwort nicht zu finden, kann und soll auch nicht gefunden werden. Noch fehlt dem Judenthum die innere regenerirende Kraft nicht, noch lebt es in tausenden Herzen und Geistern, bald mit stärkerm, bald mit geringerm Bewußtsein, es hat der Verfolgung, dem Schwerte, dem Feuer, dem scharfen Worte Stand gehalten, es wird auch dem Strome der Revolution widerstehen und den Anlockungen, *) Die freie Gemeinde erkennt als ihren Inhalt allein die Ueberzeugung des Individuums an; sie hat somit gar keinen Inhalt als die unbedingte Freiheit des Individuums. Das Judenthum im Gegensatz hat Lehrinhalt, positiven Lehrinhalt, gemeinsamen für alle Bekenner des Judenthums. Demnach stehen Beide, Judenthum und freie Gemeinde, sich gegenüber, und ein Jude kann nur in der freien Gemeinde sein insofern die freie Gemeinde ihm gestatten muß, Jude zu sein, da sie ihren Gliedern zugestehen muß, Jude, Türke, Heide oder sonst dergleichen nach Belieben zu sein. Redakt.