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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-07-14 · Heft 29 (14.7.1851) · p. Seite 339

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 29 (14.7.1851)
Date
1851-07-14
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
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339 „Den meisten unter den jungen und alten Leuten sagt doch auch der veraltete Gottesdienst nicht mehr zu und sie verstehen ihn nicht." Ach, meinte M., ich verstehe auch das Wenigste, aber glauben Sie denn, lieber Herr, daß sie auf die Dauer kommen werden, wenn auch Alles noch so schön eingerichtet wird, wenn deutsch gebetet und gepredigt wird und Alles umgeschaffen? Da war ich wirklich mit der Antwort einige Augenblicke in Verlegenheit. Das ist gewiß, sagte ich endlich, daß Biele doch wegbleiben, Mancher wird aber kommen und wiederkommen und wenn ihn das Bedürfniß der Erbauung treibt, auch Solche finden können, was jetzt nicht der Fall ist, und überhaupt muffen wir den Brüdern der Neuzeit und der jungen Welt mit der Erfüllung ihrer Wünsche entgegenkommen, dann haben wir doch unsere Schuldigkeit gethan. „Das gebe Gott," sagte M. und ging seine Wege nach dem Tempel, aus dem er wirklich nach wenigen Augenblicken mürrisch heimkehcte, denn es war — kein Minjan da. Der alte Moses ist aber doch nicht ganz der alte Moses, denn als vor mehreren Jahren der Rabbiner P. aus M. zum Besuche hier war und M. ihm nach dem Gottesdienste einen Besuch machte, war seine erste Frage: Nun, Herr Doktor, wollen wir nicht bald Etwas abschaffen? Der gute Moses! Er halt das Ab sch affen für die wahre Aufgabe des neuern Rabbiner- und Judenthums, freilich hierin dem Strome der ganzen negirenden Zeit folgend, ohne daß er es weiß. Kaum aber war er vor mir vorbei, als aus dem gegenüberliegenden freundlichen Gasthof der Apotheker P., mein langjähriger, lieber christlicher Freund trat, zu mir herüberkam und — lächelte. Der Mann ist ein durch und durch braver Mann, er führt die Vormundschaft über das Vermögen des verstorbenen F. mit einer seltenen Aufopferung und Energie, er strebt für seine Mündet mit einer edeln Uneigennützigkeit, Einsicht und Würde, er, der Christ, sieht insbesondere darauf, daß sie, im Geiste ihres Hingeschiedenen Vaters, eine streng religiöse Erziehung und Richtung erhalten, so weit — ec es vermag. „Was ist es doch eine närrische Sache," redete er mich an, „um die Orthodoxie und Pietisterei in allen Religionsgesellschaften heut zu Tage." Wieso, Freund? „Da war ich drüben im Löwen, schieben sie Kegel, und unter ihnen der Kommis B., der nur als Volontär hier in's F.'sche Geschäft eintrat, weil er da alle Zeremonieen und auch den Sabbat halten könnte, und er schiebt heute Kegel, verliert einen Thalec und einige Groschen, aber er faßt bei Leibe kein Geld an, zu bezahlen, und sein Kollege, der (ebenfalls jüdische) Handlungsdienec K. muß für ihn auslegen!" Das ist freilich eine eigene Auslegung des Gesetzes, meinte ich. Und er hatte sich kaum entfernt, da kam schon ein Dritter die Straße gezogen, begrüßte mich, unv setzte sich zu mir hin. Es war der Sohn eines jüdischen Handelsherrn, ein hübscher, junger Mann, talentvoll und mit manchen Kenntnissen versehen, er hat auch schon die Welt gesehen und manche Erfahrung gemacht, aber der Grundzug seines Charakters ist doch ein — sich gehen lassender leichter Sinn, ich möchte wol sagen — Leichtsinn. Die Eltern sind rechtschaffene, verständige Leute, mit dem Herzen Juden, wenn auch nicht von Herzen, sie geben, sie theilen mit, sie helfen, wo sie können. Der Vater ist seit Jahren Vorsteher der kleinen Gemeinde, hat trotz vielfacher Anfeindung kleinlicher und lächerlicher Art ausgehalten und dadurch das Gemeinwesen erhalten, aber sonst steht er ziemlich ganz außerhalb des Judenthums, würde sich aber auch um keinen Preis von seiner angestammten Religion trennen, weil er im Christenthum noch mehr ihm auffällige Positivetät und transzendentale Orthodoxie zu finden glaubt, als im Judenthum, denn: Nichts zu glauben, ist eben sein Glaube. Der junge Mann hat indeß eine sorgfältige Erziehung genoffen, ist im Hause eines unserer bekanntesten jüdischen Geistlichen einige Jahre erzogen, von demselben im Judenthum unterrichtet und feierlichst konfirmirt worden. Er war 1848 eifriger demokratischer Wortführer, reiste darauf aus Ueberdruß vor den europäischen Zuständen und um sein Glück zu suchen, nach Amerika, kehrte aber nach einem Jahre zurück, wenig erbaut von den dortigen Zuständen, mit tiefer Sehnsucht nach dem Elternhause und dem stillen Heimathsort, hilft dem Vater treulich im Geschäfte jetzt und — leitet eine Liedertafel, deren Fahne und Sänge ihn jetzt ebenso zu interessiren scheinen, als die deutsche Einheit und Freiheit 1848. Gar bald drehete sich unser Gespräch um die Tagespolitik, er entwickelte mir seine neuesten Ansichten und Aussichten und unvermerkt kamen wir auf höhere Gegenstände, Gott, Bestimmung, Religion u. dgl. Moses wollte ad sch affen (vielleicht langwierige Piutim, Kinot u. dgl.), der Kegelspieter mochte gern den Gottesdienst ganz abgeschafft sehen, um eben Kegel zu schieben, ohne Geld anzurühren, mein junger Mann wollte Alles abschaffen, Religion, Glauben — Gott selbst. Er negirte Alles. Bestimmung! dummes Zeug. Alles ist Zufall! und obgleich ich ihm zu widerlegen suchte, daß ja

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